Weblog von Patrick Goltzsch

Crazy Rich Asians

Crazy Rich Asians, USA, 2018, Jon M. Chu, 120 Min.

Crazy Rich Asians ist eine klassische Schnulze - kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht - und trotzdem überrascht der Film in mehrfacher Hinsicht.

Die Geschichte von Crazy Rich Asians ist altbekannt aus Groschenromanen und Seifenopern: Der jugendliche Held stellt die Herzallerliebste der Familie vor, aber die böse Schwiegermutter will etwas besseres für ihren Sohn. Und da es sich hier um eine romantische Komödie aus Hollywood handelt, reduziert sich die Spannung auf die Frage, wie sie trotzdem zueinander finden. So weit, so überraschungsarm.

Doch der Film führt ein enormes Selbstbewusstsein vor. Den Anfang machen ein paar Witze über New Yorker, die ihre Stadt für den Nabel der Welt halten. Er schlägt »ein Abenteuer im Osten« vor und sie vermutet: »Oh, ins East Village?« Er korrigiert: »weiter östlich«, sie erstaunt: »Queens?«, er lächelt: »Singapur«. Und als sie in Singapur landen, stellt sie den Vergleich her: An diesem Flughafen gäbe es einen Schmetterlingsgarten und ein Kino, JFK halte nur Salmonellen und Verzweiflung bereit.

Mit dem Anflug auf die Stadt und der Fahrt über die Straßen inszeniert der Film Singapur als einen Schauplatz der Moderne, und in der Erinnerung verblasst New York zu einer Ruine des 20. Jahrhunderts. Mit der gleichen selbstbewussten Nonchalance beginnt der Film, die kulturellen Unterschiede zu thematisieren, in dem er etwa einen Marktplatz für Straßenküchen vorführt und dabei mühelos kulinarische Vielfalt ausbreitet. Und das einzige, was an Fast Food erinnert, ist das Tempo, mit dem das Essen auf den Tisch kommt.

Kultiviertheit und Bildung auszustellen, ist im US-amerikanischen Blockbuster-Kino tabuisiert und schon den Sprachschatz reduzieren die Filme in der Regel auf 600 Worte. Die irrsinnig reichen Asiaten verfügen aber nicht nur über Geld. Und so sprechen, bis auf die Großmutter, alle Englisch und nicht nur das: Sie sprechen sogar richtiges Englisch - mit Oxford-Akzent! Und im Gegensatz zu den Kinderzimmerproduktionen, mit denen Hollywood in den letzten Jahren das Publikum vorzugsweise beglückt hat, fallen hier Vokabeln wie »Spieltheorie«. Offensichtlich nimmt der Film keine Rücksicht auf die gängige Annahme der Hollywood-Produzenten, den gemeinen Kinogängern erstarre bei solchen Zumutungen die Hand in der Popcorn-Tüte.

Trotzdem lässt sich Crazy Rich Asians als amerikanischer Film identifizeren, schließlich geht es am Ende auch hier um die fundamentale Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse und natürlich kommt es zum Showdown im klassischen Duell.

Nun vielleicht nicht ganz: Die Schwiegermutter erhält mehrfach die Gelegenheit die Beweggründe ihrer Ablehnung darzulegen und entgeht durch die unterschiedlichen Facetten einer stromlinienförmigen Typisierung als böse Böse. Statt dessen formuliert sie den Zwiespalt zwischen dem angeblich traditionsverhafteten Leben in Singapur und der Amerikanisierung der Ausgewanderten. Darin nun wiederum sieht die Schwiegertochter in spe ein Vorurteil und führt ihr eigenes Traditionsbewusstsein dagegen ins Feld.

Auch das Duell entspricht nicht ganz den Erwartungen an den Hollywood-Mainstream. Hier stehen sich nicht zwei männliche Fitness-Studio-Opfer gegenüber, die sich tricktechnisch unterstützt vermöbeln. Nein, statt dessen sitzen zwei Frauen an einem Tisch, um mit einer Partie »Mahjongg« (und wieder erstirbt das Rascheln in der Popcorn-Tüte) die gegensätzlichen Positionen auszuloten und womöglich einen Stich zu machen.

Mit einigen intelligenten Dialogzeilen in einer flachen Geschichte für Untiefen sorgen; den kulturellen Reichtum als Hintergrund nutzen und einzelne Aspekte in den Fokus rücken - »Crazy Rich Asians« schafft mit leichter Hand unerwartet vielschichtige Unterhaltung.

Georg Heym - Umbra Vitae

»Umbra Vitae« versammelt die Gedichte, die Heym nach den Arbeiten für »Der ewige Tag« verfasst hat. Sie sind, so legen es die Herausgeber nahe, vom Januar 1911 bis zu Heyms Tod im Januar 1912 entstanden. Den Titel »Umbra Vitae« hätte Heym selbst seinem zweiten Gedichtband geben wollen.

Heym befasse sich mit der Verzweiflung und dem Leiden, das die Einsamkeit hervorrufe, die dem städtischen Leben innewohnt, behauptet der franzöische Wikipedia-Eintrag zu Georg Heym. »Wohl bekomm's«, möchte man da sagen. Aber es geht auch weniger flapsig: Die Stadt gehört zwar zu den häufiger wieder kehrenden Motiven in Heyms Gedichten, aber die Vorstellung des Leidenden und speziell an der Einsamkeit in der Stadt Leidenden drängt sich in den Gedichten nicht auf.

In den Vordergrund schiebt sich da eher die Art der Wahrnehmung, die Natur und das von Menschen Gemachte gleichermaßen als Quelle der Sprachbilder verwendet. Und dadurch erscheint das Gemachte manchmal wie natürlich, etwa wenn »Die neuen Häuser« »Klappernd in ihrer Mauern schäbigem Kleid« dastehen. 

Misstrauen kann die monströse Perspektive erwecken, in die Heym etwa in »Die Stadt« wechselt, um die Straßen als deren Adern zu beschreiben. Dabei geraten die Einzelnen unversehens aus dem Blick und geraten zu einer Masse, in der das Einzelschicksal untergeht: »Gebären, Tod, gewirktes Einerlei«.

Um noch einmal kurz das Thema der Morbidität aufzugreifen, mit der Heym gerne in Zusammenhang gebracht wird: Sie führt zur wohl bevorzugten Übersetzung des lateinischen Titels als »Schatten des Lebens«. Aber »Umbra Vitae« kann auch »Zuflucht des Lebens« heißen.

Grundlage der Texte ist die Erstausgabe des Buches im Ernst Rowohlt Verlag von 1912. Sie sind dem Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek entnommen und mit der Vorlage abgeglichen.

Download E-Book

Online-Fassung

 

Das Verblöden

Der Prozess des Verdummens scheint allgemein bekannt und wird gerne beklagt. Dabei vertrotteln vorzugsweise die Anderen und das in Massen. Wahlweise verblödet das Land, die Jugend, die Menschheit, und daran sind, die Diagnosen lassen keinen Zweifel, externe Faktoren schuld: das Fernsehen, die Werbung, das Internet.

Dabei erscheint das Verblöden nicht als bewusst eingesetzter Prozess konservativer Dunkelmänner, wie ihn noch die »Volksverdummung« in einer frühen Variante der Verschwörungstheorie gesellschaftskritisch unterstellte. Statt dessen handelt es sich beim Verblöden um einen quasi schicksalhaften Prozess, der abgesehen vom Mahner alle Anderen unausweichlich erfasst.

In seltenen Fällen gilt das Klagen über die Verblödung auch der eigenen Person. Dann nimmt die Klage eine unpersönliche Form an: »man verblödet«. Geradezu rar ist die offene, fast rigide Selbstkritik in der Formulierung »ich verblöde«. Doch die Sprache schlägt auch in der Selbstanklage Haken, denn nach wie vor erleiden die Geständigen das Verblöden: »Man verblödet bei dieser Arbeit« oder »unter diesen Leuten verblöde ich«. Die Formulierung der Passivität bleibt erhalten.

Doch wenn wir die Gewohnheit und das grammatikalische Unbehagen beiseite lassen und davon sprechen, dass wir uns verblöden, werden aus den Opfern Täter, aus den Leidenden werden Handelnde, die sich selbst malträtieren. Und damit stellen sich dann die notwendigen Fragen ein: Was mache ich hier eigentlich? Und wie komme ich hier wieder heraus?

 

El Ombligo - Canción Psicotrópica y Jaleo

El Ombligo ist vor allem ein Projekt des Bassisten Santiago Botero, der zwar regelmäßig mit dem gleichen Tastenmusiker und dem gleichen Schlagzeuger spielt, dann aber nach Bedarf Gitarristen oder Holz- und Blechbläser dazuholt. Der Albumtitel verrät ansatzweise wo die Reise der Musiker aus Bogotá ausgehend von Cumbia hingeht: "Canción Psicotrópica y Jaleo" (psychotropisches Lied und Radau). Der Radau wirkt auf den Bandcamp-Aufnahmen etwas zurückgenommen, beim Konzert in Berlin war da mehr zu hören.

Else Lasker-Schüler - Meine Wunder

Nicht nur verdient man mit Lyrik kein Geld, Verse gehören zudem zum am meisten Nicht-Gelesenen. Und wenn man, wie Else Lasker-Schüler, richtig Pech hat, landet ein Gedicht womöglich noch vor Gericht.

Laut Herwarth Walden, dem Herausgeber der Zeitschrift »Der Sturm«, der regelmäßig Arbeiten von Lasker-Schüler veröffentlichte. übernahmen Zeitungen häufiger Gedichte aus dem »Sturm«, um sich auf den eigenen Seiten darüber lustig zu machen. Das in »Meine Wunder« enthaltene »Leise sagen -« war eine der Zielscheiben und wurde von einer Hamburger Zeitung mit dem Kommentar »Vollständige Gehirnerweichung« abgedruckt. 1

Walden bemühte sich, zumindest ein Honorar für den unerlaubten Nachdruck für seine Autorin zu erstreiten. Aber die Richter urteilten zunächst einmal über den literarischen Wert des Gedichts und meinten. »jedem gebildeten mit gesundem Menschenverstand und mit Empfänglichkeit für Poesie begabten Leser« müsse sich »ohne weiteres die Ueberzeugung von der Wertlosigkeit dieses Geistesproduktes aufdrängen«. Im besten Fall wollten die Richter dem Gedicht unfreiwillige Komik zugestehen und dafür müsse kein Honorar gezahlt werden.

Aus heutiger Sicht liefern die Richter eine Steilvorlage, um mal wieder Lichtenbergs Aphorismus hervor zu kramen: »Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?« Walden ging im Lichtenstein-Fall einen anderen Weg und legte die literarischen Vorstellungen der Kritiker durch deren Gegenbeispiel offen, in dem sich zum Thema Frühling »Glocken« auf »Frohlocken« reimen. Aber womöglich greifen diese Reaktionen zu kurz und da öffnet sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zwiespalt zwischen Kunst und Publikum.

Dieser Riss soll von Worten wie »Avantgarde« eingefangen werden. In dieser Vorstellung eilen die Künstler (in der Rolle der visionären Genies usw.) dem Rest der Gesellschaft voraus. Und wenn die Gesellschaft dann folgt, bestaunt sie die Künstler (dieses Mal als wegweisende Gestalter usw.). Auf diese Weise wird dann auch die moralische Balance wieder hergestellt, wenn die Gesellschaft, wenn auch spät, den Künstlern die ihnen gebührende Anerkennung zollt. Und zur Feier des Tages schlagen dann auch die frohlockenden Glocken.

Hundert Jahre nach dem Erscheinen von »Meine Wunder« sieht es eher so aus. als sei der Graben zwischen Kunst und Publikum von Dauer. Der Name »Else Lasker-Schüler« mag vielleicht bekannter sein, weil Straßen, Plätze, Schulen nach ihr benannt sind. Aber ihre Texte wurden nie Allgemeingut und haben den engen Zirkel der Kunst nicht verlassen. Wenn Arno Schmidt mit seiner pessimistischen Schätzung, er erreiche mit seinen Texten Wurzel drei aus der Einwohnerzahl Deutschlands, recht hätte, befassten sich mit Else Lasker-Schüler heute womöglich gerade 40 Leser mehr als zu ihrer Zeit.

Die Texte sind mit der Ausgabe im Verlag der Weißen Bücher von 1914 abgeglichen. (Ein Scan des Buches aus dem Google Books Projekt ist bei der HathiTrust Digital Library zugänglich (über Proxy)).

Um das Buch auf dem Kindle zu lesen, muss das E-Book vom Standardformat EPUB ins proprietäre Amazon-Format AZW3 umgewandelt werden. Das frei erhältliche und ohnehin empfehlenswerte Programm Calibre kann neben vielem anderen auch das.

Eine gedruckte Ausgabe steht mit dem Bändchen der Insel-Bücherei zur Verfügung.

Download E-Book

 

Der Bootsmann

Saßen einander gegenüber zwei alte Herren, der Kugelige mit dem kahlen Schädel rollte den erkalteten Stumpen seiner Zigarre zwischen den Lippen, den Andern mit unverhohlener Skepsis musternd. Dem saß der Elbsegler zurück geschoben auf dem sich bäumenden Schopf grauer Haare, der sprach konzentriert, die Stimme vom Tabak geteert, vom Alkohol gebeizt, leicht brüchig; die übrig gebliebenen Finger der von der Arbeit gezeichneten Hände ruhten auf dem Tisch, selten setzte er Akzente mit seinen Händen, denen die Schwielen abhanden gekommen und statt dessen vom Alter gefleckt waren; er nutzte sie mehr wie ein Taschenspieler, um die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken und belustigt den wild wandernden Stumpen seines Zuhörers zu betrachten:

Eine Zeit lang war ich auf einem Trampschiff in der Karibik unterwegs. Einmal haben wir in Tampa Maschinenteile übernommen, zumindest war das Zeug so deklariert, aber der Kapitän kannte sich aus mit Frachtpapieren und Hafenbehörden und nahm es gegen einen Aufschlag nicht so genau. Schwer genug war die Ladung, und wir hingen tief im Wasser, als wir mit Ziel Cartagena ablegten.

In einem der vorigen Häfen hatten wir einen neuen Bootsmann an Bord genommen. Doch auch nach Wochen hatte die Mannschaft sich noch nicht an ihn gewöhnt. Er rauchte nicht, er trank nicht, er hielt sich selbst noch beim Essen zurück und erweckte immer und überall einen beherrschten Eindruck. Er war als Vorgesetzter bei uns nicht beliebt, da er uns bei der Arbeit nichts nachsah und oft pedantisch nachhakte. Aber er verstand sein Handwerk, und so hörte die Mannschaft auf ihn.

Es ist ein enges Leben an Bord, und wenn du nicht gerade Maschinist bist und deine Tage unter Deck im Dieseldunst und Dröhnen der Maschinen verbringst, triffst du nicht nur bei der Arbeit immer wieder dieselben Kollegen, du frühstückst auch mit ihnen, stehst mit ihnen an der Kombüse Schlange zum Mittag fassen und klönst mit ihnen nach der Arbeit. Durch die Enge hätte es auch der Bootsmann früher oder später nicht vermeiden können, sich mit jemandem anzufreunden, doch er hatte es schwerer, da er nicht zur Mannschaft gehörte, aber auch kein Offizier war. Zudem stand er sich mit seiner hölzernen, zurückhaltenden Art selbst im Weg. Und so saß er sogar auf unserem rotten Kahn zwischen allen Stühlen, die gleiche Distanz zu uns, wie die Offiziere zu ihm wahrend.

Und noch etwas schied ihn von uns: Wenn du anheuerst, dann weißt du, wie lange es bis zur Rückkehr dauern kann. Auf der Hinfahrt sprichst du nüchtern, weil die Erinnerung noch frisch ist, von zu Hause, erzählst von Freundin oder Frau, vielleicht von den Kindern, und auf der Hälfte der Reise, wenn du vom Schiff runter kommst, besorgst du Mitbringsel. Auf der Rückfahrt dann ist die Nüchternheit verflogen, du wünschst, du hättest doch noch dieses Tuch oder jene Schatulle vom Ausflug an Land mitgebracht, und träumst schon davon, wie sie dich an der Pier abholen. Und wenn du niemanden hast, der dich verabschiedet und auf dich wartet, dann hörst du den anderen zu, erzählst von Freunden und gehst an Land, um dich zu amüsieren und zu feiern, und vielleicht findest du ja eine.

Aber das war nichts für unseren Bootsmann, der in der Mannschaftsmesse abseits saß, und sich nicht beteiligte, nichts erzählte und nicht zuhörte, sondern die Nase ins Buch steckte. Wir erfuhren nicht, ob er Frau und Kinder hatte oder was er mit seinen Freunden anstellte, und wie sich denken lässt, blieb er auch unseren Feiern fern.  Wenn er an Land ging, nutzte er die Gelegenheit, wie es hieß, um spazieren zu gehen. Wir spekulierten, er würde genauso verhalten durch die Straßen gehen, wie er es an Deck tat, wenn er unsere Arbeit kontrollierte und sich nicht aufregte, keine schlechte Laune zeigte, keine Freude und keine Enttäuschung. Wir stellten ihn uns vor, wie er an Land, die Hände auf dem Rücken, gemessenen Schritts, die Menschen, die Läden, das Treiben auf den Straßen obenhin streifte, und wie irritiert er auf die Gerüche und den Lärm reagierte, weil er dazu keinen Abstand wahren konnte.

Schließlich fanden wir uns mit ihm ab und hoben vor allem seine Verlässlichkeit hervor, die es einfach machte, an ihm vorbei zu sehen. Und trotzdem wehte uns jedes Mal, wenn wir auf den Bootsmann zu sprechen kamen, ein Unbehagen an. Einen Abend saßen wir noch in der Messe beisammen und hatten ein paar olle Kamellen zum Bootsmann wieder aufgewärmt und nichts Neues zusammengetragen, als der Maschinist, der mit dem Kopf auf dem Tisch lag, weil er uns einige Flaschen voraus war, wie ein Kastenteufel aus seinem Schnarchen auffuhr. Das Gesicht, schwarz gefleckt von Öl, wedelte er uns mit seinem Arm eine Dieselfahne zu und orakelte mit einer Stimme, die noch schwer am Schlaf trug: »Der kennt die Zeichen nicht.« Wir bezogen sein Raunen auf seinen Traum, aber der Maschinist, der gar nicht wusste, was er von sich gegeben hatte, konnte sich partout an keinen Traum erinnern, sondern nur an Fetzen unserer Unterhaltung. Einer aus der Runde streifte den Maschinisten mit einem scheuen Blick, murmelte etwas vom zweiten Gesicht und säte seine Überzeugung, er könne nur den Bootsmann gemeint haben.

Am nächsten Tag gerieten wir in einen Schwarm fliegender Fische, was in der Gegend nicht weiter ungewöhnlich ist, doch dieses Mal landete eine ganze Menge des Geflügels auf Deck, wahrscheinlich weil wir so tief im Wasser lagen. Während wir die Außenborder wieder ins Wasser warfen und die beunruhigende Erinnerung an unseren Tiefgang in uns aufstieg. kam auch der Bootsmann vorbei, hob eine der nach Wasser schnappenden Kreaturen auf und betrachtete sie eingehend. Dann erschlug er das Tier an der Reling und spazierte fröhlich pfeifend damit nach achtern, wo er, wie der Smutje später erzählte, den Fisch wog, vermaß und fotografierte mit angelegten und ausgebreiteten Flügelflossen.

Der Sturm, den der Bootsmann herbeigepfiffen hatte, traf uns noch in der Nacht. Da ich zur Hundewache eingeteilt war, bekam ich mit, wie der Wind mit ein paar Böen übte, die er über uns hinweg schickte. Nachdem er die See spürbar aufgewühlt hatte und sich seiner Drohung sicher war, zog er sich zurück für den großen Auftritt. Mit vereinzelten, hörbar platschenden Tropfen stellte sich der Regen ein. Dann fiel der Sturm über uns her, und morgens um vier schlief niemand mehr an Bord, so sehr stampfte das Schiff. Der anbrechende Tag hüllte sich in gelbgrau, die See schäumte trübgrün. Brecher um Brecher rollte auf uns zu, schulterte unseren schwerfälligen Kahn, so dass der Bug ins schweflige Nichts ragte, und ließ uns seinen Buckel wieder herunterrutschen, als solle das Schiff zum Grund vorstoßen. Unseren Tiefgang nutzten Sturzseen und schlugen über dem Bug zusammen, das Wasser schoss über Deck, riss mit, was nicht fest war, und stürzte durch die Speigatten zurück in die See. Unter dem Tosen des Windes ächzte, quietschte, stöhnte der Kasten mit jeder Naht und jeder Niete.

Im bleichen Licht kämpften sich an Deck drei gelbe Runen - Kollegen in ihrem Ölzeug, schlierenverzerrt in den Scheiben der Brücke - in Richtung Bug vor. Sie sollten sich der Ladung vergewissern und, wo es nottat, sie zusätzlich laschen. Durch das Fernglas verfolgte ich, wie sie, sich teilweise mit Haken und Leinen absichernd, von einer Luke zur nächsten vorkämpften. Schräg nach vorn gegen den Wind gelehnt zog sich einer Hand über Hand an der Reling weiter, während die beiden anderen an den Lukendeckeln Halt suchten. Darüber hätte ich beinahe meine Müdigkeit vergessen, aber dann schickte mich der Kapitän, der eine Nase für so was hatte, zum Ausruhen, weil das Schlimmste überstanden sei.

Als ich ein paar Stunden später wieder an Deck kam, hatte der Orkan unseren Pott als Spielball ausgemustert und war weiter gezogen. Immer noch fegten Wolken über den Himmel, aber die Wellen hatten im immer wieder durchbrechenden Sonnenlicht, trotz der Schaumkronen, mit denen sie einher rauschten, ihren Überschwang verloren. Der versöhnliche Anblick hätte begleitet sein müssen vom Klopfen der Hämmer auf den Roststellen und von Wortfetzen, die der Wind entwendet hatte, aber das Schiff stampfte wie ausgestorben durch die See. Die gespenstische Leere erschreckte mich und trieb meinen Puls nach oben, der auch den Gedanken den Takt vorgab, in dem sie stolperten. Doch die Rettungsboote hingen in den Davits, vor dem Store standen Farbeimer, und auf der Brücke war auch der Schatten des Rudergängers zu erkennen. Ich fand die Mannschaft schließlich in der Messe, verlegen und betreten, darum bemüht, sich Trauer abzuringen: Der Bootsmann war nicht mehr an Bord.

Die zwei, die mit ihm während des Sturms an Deck gewesen waren, beteuerten, wahrscheinlich zum wiederholten Mal, sie hätten nichts tun können und erzählten zum Beweis auch einmal mehr, was passiert war. Sie hatten sich alle drei, jeder für sich, gegen den Wind und das Wasser vorgearbeitet, und sich, wo es möglich war, auch angeseilt. Nur zwischen den Luken gab es kurze Abschnitte ohne Halt, bei denen sie umlegen mussten. Um den Zwischenraum zu überbrücken, hatten sie den Moment abgepasst, nach dem das Wasser an ihnen vorbei geschossen war, und dann den entscheidenden Schritt gemacht und sich erneut gesichert.  Doch trotz der Vorsicht holte ein Schwall Wasser den Bootsmann von den Beinen, gerade als er sich von der einen Luke gelöst hatte und zur nächsten wollte, so als habe die See den geeigneten Moment abgepasst. Das Wasser bildete Strudel um seine Beine, zog ihn von den Füßen und warf ihn gegen die Bordwand, und während die beiden dem wie leblos daliegenden Bootsmann noch eine Leine zuwarfen, schoss ein weiterer Schwall heran und hob den Körper über die Reling.

Der Kapitän ließ nicht beidrehen, es passte nicht in sein Kalkül, Zeit mit der Rettung des Bootsmanns zu verlieren. Statt dessen klaubte er ein paar trockene Worte zusammen, legte eine Trauerfeier für den folgenden Morgen fest und übertrug einem der älteren Matrosen die Aufgaben des Bootsmanns. Dann entließ er uns.

Am Abend unter der ermüdeten Sonne, die endlich die Wolken vertrieben hatte, tollten Delphine am Bug und prahlten mal wieder damit, schneller schwimmen zu können als das Schiff fuhr. Hin und wieder erhob sich eines der Tiere auf die Schwanzspitzen, um uns Zweibeiner nachzuäffen und keckernd vorzumachen, wie man auf dem Wasser läuft.

 

The Dwarfs of East Agouza - Bes

Die drei Zwerge aus dem Westen von Kairo erinnern zunächst an Tinariwen, mischen dann aber die heimatlichen Klängen etwa der landesüblichen Trommeln mit Elektronik und Jazz-Zitaten, um sich im Verlauf der Aufnahmen immer mehr Freiräume zu schaffen (was gegen Ende vielleicht auch etwas zu atmosphärisch gerät). 

 

Tim Daisy - Relucent

Auf seiner zweiten Solo-Unternehmung mit dem Untertitel »Music for marimba, radios and turntables« bringt der amerikanische Perkussionist hier unter anderem eine an John Cage orientierte Musikauffassung mit afrikanischen Rhythmen in Berührung.

Johann Gottfried Seume - Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Seume - Spaziergang nach Syrakus mit TornisterSeumes »Spaziergang« zieht nicht nur die Stationen seines Fußwegs von Grimma nach Syrakus nach, er beschreibt auch die Veränderungen, die der Tornister-Reisende auf seinem Weg erfährt. Aus dem eher distanzierten Beobachter, der die Veränderungen von Wetter und Landschaft beschreibt und warmherzig die Begegnungen mit den Leuten schildert, denen er anempfohlen ist, wird ein Partei ergreifender Kritiker der Gesellschaft, die er antrifft.

Insbesondere die Szenerie im Süden Italiens erschüttert ihn mit ihrem Elend (»Die Strassen sind nicht allein mit Bettlern bedeckt, sondern diese Bettler sterben wirklich daselbst vor Hunger und Elend«, s. den Abschnitt über Rom auf der Rückreise) und Seume findet deutliche Worte zur unheilvollen Verbindung von Kirche und Großgrundbesitzern. Seume zufolge kehrt die Not zurück, als sich die Franzosen nach Napoleons Italienfeldzug, bei dem sie auch den Kirchenstaat in Knie gezwungen und die Kirche geschwächt hatten, wieder zurückziehen. Insofern könnte man fast versucht sein, seine Schilderung als einen Vorgriff auf die Restauration zu lesen.

Aber hier ist vor allem ein Europäer unterwegs, den die katastrophalen Verhältnisse der damaligen Zeit zwangsweise polyglott gemacht haben (zum Soldaten gepresst und in englische Dienste verscherbelt, später in russischen Diensten in Polen unterwegs). Auf seinem Weg von Sachsen nach Sizilien begleitet ihn die Kultur - Theater, Kunst, Literatur. Er zitiert Vergil und Horaz, liest Homer und Theokrit und kann mit seiner Begeisterung für die klassischen griechischen und römischen Autoren auch auf das Interesse seiner Gastgeber rechnen. Europa, so scheint es, war in jener Zeit vor allem eine Frage der Bildung.

Bei dem Text handelt es sich um die digitalisierte  Erstausgabe des »Spaziergangs«, wie sie im Deutschen  Textarchiv vorliegt. Dieser E-Book-Fassung liegt die XML-Version des Textes  zu Grunde.

Download E-Book

 

Seiten

RSS – Weblog von Patrick Goltzsch abonnieren