Johann Gottfried Seume - Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Seume - Spaziergang nach Syrakus mit TornisterSeumes »Spaziergang« zieht nicht nur die Stationen seines Fußwegs von Grimma nach Syrakus nach, er beschreibt auch die Veränderungen, die der Tornister-Reisende auf seinem Weg erfährt. Aus dem eher distanzierten Beobachter, der die Veränderungen von Wetter und Landschaft beschreibt und warmherzig die Begegnungen mit den Leuten schildert, denen er anempfohlen ist, wird ein Partei ergreifender Kritiker der Gesellschaft, die er antrifft.

Insbesondere die Szenerie im Süden Italiens erschüttert ihn mit ihrem Elend (»Die Strassen sind nicht allein mit Bettlern bedeckt, sondern diese Bettler sterben wirklich daselbst vor Hunger und Elend«, s. den Abschnitt über Rom auf der Rückreise) und Seume findet deutliche Worte zur unheilvollen Verbindung von Kirche und Großgrundbesitzern. Seume zufolge kehrt die Not zurück, als sich die Franzosen nach Napoleons Italienfeldzug, bei dem sie auch den Kirchenstaat in Knie gezwungen und die Kirche geschwächt hatten, wieder zurückziehen. Insofern könnte man fast versucht sein, seine Schilderung als einen Vorgriff auf die Restauration zu lesen.

Aber hier ist vor allem ein Europäer unterwegs, den die katastrophalen Verhältnisse der damaligen Zeit zwangsweise polyglott gemacht haben (zum Soldaten gepresst und in englische Dienste verscherbelt, später in russischen Diensten in Polen unterwegs). Auf seinem Weg von Sachsen nach Sizilien begleitet ihn die Kultur - Theater, Kunst, Literatur. Er zitiert Vergil und Horaz, liest Homer und Theokrit und kann mit seiner Begeisterung für die klassischen griechischen und römischen Autoren auch auf das Interesse seiner Gastgeber rechnen. Europa, so scheint es, war in jener Zeit vor allem eine Frage der Bildung.

Bei dem Text handelt es sich um die digitalisierte  Erstausgabe des »Spaziergangs«, wie sie im Deutschen  Textarchiv vorliegt. Dieser E-Book-Fassung liegt die XML-Version des Textes  zu Grunde.

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