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Das Verblöden

Der Prozess des Verdummens scheint allgemein bekannt und wird gerne beklagt. Dabei vertrotteln vorzugsweise die Anderen und das in Massen. Wahlweise verblödet das Land, die Jugend, die Menschheit, und daran sind, die Diagnosen lassen keinen Zweifel, externe Faktoren schuld: das Fernsehen, die Werbung, das Internet.

Dabei erscheint das Verblöden nicht als bewusst eingesetzter Prozess konservativer Dunkelmänner, wie ihn noch die »Volksverdummung« in einer frühen Variante der Verschwörungstheorie gesellschaftskritisch unterstellte. Statt dessen handelt es sich beim Verblöden um einen quasi schicksalhaften Prozess, der abgesehen vom Mahner alle Anderen unausweichlich erfasst.

In seltenen Fällen gilt das Klagen über die Verblödung auch der eigenen Person. Dann nimmt die Klage eine unpersönliche Form an: »man verblödet«. Geradezu rar ist die offene, fast rigide Selbstkritik in der Formulierung »ich verblöde«. Doch die Sprache schlägt auch in der Selbstanklage Haken, denn nach wie vor erleiden die Geständigen das Verblöden: »Man verblödet bei dieser Arbeit« oder »unter diesen Leuten verblöde ich«. Die Formulierung der Passivität bleibt erhalten.

Doch wenn wir die Gewohnheit und das grammatikalische Unbehagen beiseite lassen und davon sprechen, dass wir uns verblöden, werden aus den Opfern Täter, aus den Leidenden werden Handelnde, die sich selbst malträtieren. Und damit stellen sich dann die notwendigen Fragen ein: Was mache ich hier eigentlich? Und wie komme ich hier wieder heraus?

 

Der Bootsmann

Saßen einander gegenüber zwei alte Herren, der Kugelige mit dem kahlen Schädel rollte den erkalteten Stumpen seiner Zigarre zwischen den Lippen, den Andern mit unverhohlener Skepsis musternd. Dem saß der Elbsegler zurück geschoben auf dem sich bäumenden Schopf grauer Haare, der sprach konzentriert, die Stimme vom Tabak geteert, vom Alkohol gebeizt, leicht brüchig; die übrig gebliebenen Finger der von der Arbeit gezeichneten Hände ruhten auf dem Tisch, selten setzte er Akzente mit seinen Händen, denen die Schwielen abhanden gekommen und statt dessen vom Alter gefleckt waren; er nutzte sie mehr wie ein Taschenspieler, um die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken und belustigt den wild wandernden Stumpen seines Zuhörers zu betrachten:

Eine Zeit lang war ich auf einem Trampschiff in der Karibik unterwegs. Einmal haben wir in Tampa Maschinenteile übernommen, zumindest war das Zeug so deklariert, aber der Kapitän kannte sich aus mit Frachtpapieren und Hafenbehörden und nahm es gegen einen Aufschlag nicht so genau. Schwer genug war die Ladung, und wir hingen tief im Wasser, als wir mit Ziel Cartagena ablegten.

In einem der vorigen Häfen hatten wir einen neuen Bootsmann an Bord genommen. Doch auch nach Wochen hatte die Mannschaft sich noch nicht an ihn gewöhnt. Er rauchte nicht, er trank nicht, er hielt sich selbst noch beim Essen zurück und erweckte immer und überall einen beherrschten Eindruck. Er war als Vorgesetzter bei uns nicht beliebt, da er uns bei der Arbeit nichts nachsah und oft pedantisch nachhakte. Aber er verstand sein Handwerk, und so hörte die Mannschaft auf ihn.

Es ist ein enges Leben an Bord, und wenn du nicht gerade Maschinist bist und deine Tage unter Deck im Dieseldunst und Dröhnen der Maschinen verbringst, triffst du nicht nur bei der Arbeit immer wieder dieselben Kollegen, du frühstückst auch mit ihnen, stehst mit ihnen an der Kombüse Schlange zum Mittag fassen und klönst mit ihnen nach der Arbeit. Durch die Enge hätte es auch der Bootsmann früher oder später nicht vermeiden können, sich mit jemandem anzufreunden, doch er hatte es schwerer, da er nicht zur Mannschaft gehörte, aber auch kein Offizier war. Zudem stand er sich mit seiner hölzernen, zurückhaltenden Art selbst im Weg. Und so saß er sogar auf unserem rotten Kahn zwischen allen Stühlen, die gleiche Distanz zu uns, wie die Offiziere zu ihm wahrend.

Und noch etwas schied ihn von uns: Wenn du anheuerst, dann weißt du, wie lange es bis zur Rückkehr dauern kann. Auf der Hinfahrt sprichst du nüchtern, weil die Erinnerung noch frisch ist, von zu Hause, erzählst von Freundin oder Frau, vielleicht von den Kindern, und auf der Hälfte der Reise, wenn du vom Schiff runter kommst, besorgst du Mitbringsel. Auf der Rückfahrt dann ist die Nüchternheit verflogen, du wünschst, du hättest doch noch dieses Tuch oder jene Schatulle vom Ausflug an Land mitgebracht, und träumst schon davon, wie sie dich an der Pier abholen. Und wenn du niemanden hast, der dich verabschiedet und auf dich wartet, dann hörst du den anderen zu, erzählst von Freunden und gehst an Land, um dich zu amüsieren und zu feiern, und vielleicht findest du ja eine.

Aber das war nichts für unseren Bootsmann, der in der Mannschaftsmesse abseits saß, und sich nicht beteiligte, nichts erzählte und nicht zuhörte, sondern die Nase ins Buch steckte. Wir erfuhren nicht, ob er Frau und Kinder hatte oder was er mit seinen Freunden anstellte, und wie sich denken lässt, blieb er auch unseren Feiern fern.  Wenn er an Land ging, nutzte er die Gelegenheit, wie es hieß, um spazieren zu gehen. Wir spekulierten, er würde genauso verhalten durch die Straßen gehen, wie er es an Deck tat, wenn er unsere Arbeit kontrollierte und sich nicht aufregte, keine schlechte Laune zeigte, keine Freude und keine Enttäuschung. Wir stellten ihn uns vor, wie er an Land, die Hände auf dem Rücken, gemessenen Schritts, die Menschen, die Läden, das Treiben auf den Straßen obenhin streifte, und wie irritiert er auf die Gerüche und den Lärm reagierte, weil er dazu keinen Abstand wahren konnte.

Schließlich fanden wir uns mit ihm ab und hoben vor allem seine Verlässlichkeit hervor, die es einfach machte, an ihm vorbei zu sehen. Und trotzdem wehte uns jedes Mal, wenn wir auf den Bootsmann zu sprechen kamen, ein Unbehagen an. Einen Abend saßen wir noch in der Messe beisammen und hatten ein paar olle Kamellen zum Bootsmann wieder aufgewärmt und nichts Neues zusammengetragen, als der Maschinist, der mit dem Kopf auf dem Tisch lag, weil er uns einige Flaschen voraus war, wie ein Kastenteufel aus seinem Schnarchen auffuhr. Das Gesicht, schwarz gefleckt von Öl, wedelte er uns mit seinem Arm eine Dieselfahne zu und orakelte mit einer Stimme, die noch schwer am Schlaf trug: »Der kennt die Zeichen nicht.« Wir bezogen sein Raunen auf seinen Traum, aber der Maschinist, der gar nicht wusste, was er von sich gegeben hatte, konnte sich partout an keinen Traum erinnern, sondern nur an Fetzen unserer Unterhaltung. Einer aus der Runde streifte den Maschinisten mit einem scheuen Blick, murmelte etwas vom zweiten Gesicht und säte seine Überzeugung, er könne nur den Bootsmann gemeint haben.

Am nächsten Tag gerieten wir in einen Schwarm fliegender Fische, was in der Gegend nicht weiter ungewöhnlich ist, doch dieses Mal landete eine ganze Menge des Geflügels auf Deck, wahrscheinlich weil wir so tief im Wasser lagen. Während wir die Außenborder wieder ins Wasser warfen und die beunruhigende Erinnerung an unseren Tiefgang in uns aufstieg. kam auch der Bootsmann vorbei, hob eine der nach Wasser schnappenden Kreaturen auf und betrachtete sie eingehend. Dann erschlug er das Tier an der Reling und spazierte fröhlich pfeifend damit nach achtern, wo er, wie der Smutje später erzählte, den Fisch wog, vermaß und fotografierte mit angelegten und ausgebreiteten Flügelflossen.

Der Sturm, den der Bootsmann herbeigepfiffen hatte, traf uns noch in der Nacht. Da ich zur Hundewache eingeteilt war, bekam ich mit, wie der Wind mit ein paar Böen übte, die er über uns hinweg schickte. Nachdem er die See spürbar aufgewühlt hatte und sich seiner Drohung sicher war, zog er sich zurück für den großen Auftritt. Mit vereinzelten, hörbar platschenden Tropfen stellte sich der Regen ein. Dann fiel der Sturm über uns her, und morgens um vier schlief niemand mehr an Bord, so sehr stampfte das Schiff. Der anbrechende Tag hüllte sich in gelbgrau, die See schäumte trübgrün. Brecher um Brecher rollte auf uns zu, schulterte unseren schwerfälligen Kahn, so dass der Bug ins schweflige Nichts ragte, und ließ uns seinen Buckel wieder herunterrutschen, als solle das Schiff zum Grund vorstoßen. Unseren Tiefgang nutzten Sturzseen und schlugen über dem Bug zusammen, das Wasser schoss über Deck, riss mit, was nicht fest war, und stürzte durch die Speigatten zurück in die See. Unter dem Tosen des Windes ächzte, quietschte, stöhnte der Kasten mit jeder Naht und jeder Niete.

Im bleichen Licht kämpften sich an Deck drei gelbe Runen - Kollegen in ihrem Ölzeug, schlierenverzerrt in den Scheiben der Brücke - in Richtung Bug vor. Sie sollten sich der Ladung vergewissern und, wo es nottat, sie zusätzlich laschen. Durch das Fernglas verfolgte ich, wie sie, sich teilweise mit Haken und Leinen absichernd, von einer Luke zur nächsten vorkämpften. Schräg nach vorn gegen den Wind gelehnt zog sich einer Hand über Hand an der Reling weiter, während die beiden anderen an den Lukendeckeln Halt suchten. Darüber hätte ich beinahe meine Müdigkeit vergessen, aber dann schickte mich der Kapitän, der eine Nase für so was hatte, zum Ausruhen, weil das Schlimmste überstanden sei.

Als ich ein paar Stunden später wieder an Deck kam, hatte der Orkan unseren Pott als Spielball ausgemustert und war weiter gezogen. Immer noch fegten Wolken über den Himmel, aber die Wellen hatten im immer wieder durchbrechenden Sonnenlicht, trotz der Schaumkronen, mit denen sie einher rauschten, ihren Überschwang verloren. Der versöhnliche Anblick hätte begleitet sein müssen vom Klopfen der Hämmer auf den Roststellen und von Wortfetzen, die der Wind entwendet hatte, aber das Schiff stampfte wie ausgestorben durch die See. Die gespenstische Leere erschreckte mich und trieb meinen Puls nach oben, der auch den Gedanken den Takt vorgab, in dem sie stolperten. Doch die Rettungsboote hingen in den Davits, vor dem Store standen Farbeimer, und auf der Brücke war auch der Schatten des Rudergängers zu erkennen. Ich fand die Mannschaft schließlich in der Messe, verlegen und betreten, darum bemüht, sich Trauer abzuringen: Der Bootsmann war nicht mehr an Bord.

Die zwei, die mit ihm während des Sturms an Deck gewesen waren, beteuerten, wahrscheinlich zum wiederholten Mal, sie hätten nichts tun können und erzählten zum Beweis auch einmal mehr, was passiert war. Sie hatten sich alle drei, jeder für sich, gegen den Wind und das Wasser vorgearbeitet, und sich, wo es möglich war, auch angeseilt. Nur zwischen den Luken gab es kurze Abschnitte ohne Halt, bei denen sie umlegen mussten. Um den Zwischenraum zu überbrücken, hatten sie den Moment abgepasst, nach dem das Wasser an ihnen vorbei geschossen war, und dann den entscheidenden Schritt gemacht und sich erneut gesichert.  Doch trotz der Vorsicht holte ein Schwall Wasser den Bootsmann von den Beinen, gerade als er sich von der einen Luke gelöst hatte und zur nächsten wollte, so als habe die See den geeigneten Moment abgepasst. Das Wasser bildete Strudel um seine Beine, zog ihn von den Füßen und warf ihn gegen die Bordwand, und während die beiden dem wie leblos daliegenden Bootsmann noch eine Leine zuwarfen, schoss ein weiterer Schwall heran und hob den Körper über die Reling.

Der Kapitän ließ nicht beidrehen, es passte nicht in sein Kalkül, Zeit mit der Rettung des Bootsmanns zu verlieren. Statt dessen klaubte er ein paar trockene Worte zusammen, legte eine Trauerfeier für den folgenden Morgen fest und übertrug einem der älteren Matrosen die Aufgaben des Bootsmanns. Dann entließ er uns.

Am Abend unter der ermüdeten Sonne, die endlich die Wolken vertrieben hatte, tollten Delphine am Bug und prahlten mal wieder damit, schneller schwimmen zu können als das Schiff fuhr. Hin und wieder erhob sich eines der Tiere auf die Schwanzspitzen, um uns Zweibeiner nachzuäffen und keckernd vorzumachen, wie man auf dem Wasser läuft.

 

Lob des Vorurteils

Vorurteile leiden unter dem Vorurteil, sie seien von Übel. Das Vorurteil, heißt es, beschränke die Wahrnehmung auf ein Klischee, es sei das Brett vor dem Kopf, das den Blick auf das Wahre, das Eigentliche, das Wirkliche verstelle. Es dürfte dem schlechten Ruf zuzuschreiben sein, wenn die Ansätze, Vorurteile vorurteilsfrei zu betrachten, eher selten zu finden sind. Womöglich trübt dieser blinde Fleck die Wahrnehmung, indem er vor allem die Schattenseiten ins Blickfeld rückt und die Vorteile, die Vorurteile mit sich bringen, ausspart.

Das Vorurteil bewegt sich im Normalfall im Kreis: Es schiebt der Wahrnehmung ein Muster unter und sieht sich bestärkt, wenn das Muster in der Wahrnehmung auftaucht. Angenommen, Frauen verträten die Ansicht, Männer seien nachlässig in der Haushaltsführung. In der Folge nähmen sie die Pfandflaschensammlung, den Turmbau mit benutztem Geschirr in der Spüle, die Spuren der letzten Rasur im Waschbecken immer dann zur Kenntnis, wenn es sich um die Wohnung eines Mannes handelte, und sähen sich dadurch in ihrer Voreingenommenheit, »Männerhaushalt«, bestätigt. Der Gedanke, ihre Wahrnehmung könnte getrübt sein, käme ihnen gar nicht, und noch weniger fiele es ihnen ein, ihre Beobachtungen mit Belegen zu unterfüttern und mitzuzählen, wie viele Wohnungen sie besuchen, und in wie vielen Fällen Tohuwabohu herrscht. Sie bräuchten keine private Statistik, denn sie verfügten durch eine ganze Reihe von Anekdoten über genügend Belege, die immer wieder die eine Einschätzung stützten: Männer sind Schlampen.

Vorurteile müssen nicht einmal offen zu Tage treten, sondern können, wie in der Abgrenzung der Geschlechter, in der Sprache auch unterschwellig transportiert werden. So gibt es zwar den Rüpel, den Flegel, den Rabauken, den Lümmel und eine ganze Reihe ähnlicher abfälliger Bezeichnungen, die auf die männliche Hälfte der Menschheit gemünzt sind, aber es fehlt die weibliche Variante – zwar treiben durchaus Flegelinnen ihr Unwesen, aber trotzdem kennen die Wörterbücher die weibliche Form nicht. Das Stereotyp der Rollenzuschreibung legt das Wohlerzogene und Manierliche fest, das Ungehobelte oder die Verletzung der Etikette sieht es dagegen nicht vor.

In Form einer positiven Rückkopplung funktioniert das Vorurteil natürlich auch. So erspart sich die Fan-Kultur gerne kritische Auseinandersetzungen mit den Idolen, indem sie die Helden als sakrosankt verklärt. In den Augen ihrer Anhänger können die Abgötter gar nicht anders: Jede ihrer Äußerungen gilt den Voreingenommenen als ein Abglanz der Aura, mit der sie die Objekte ihrer Verehrung umgeben. Einen Maßstab, der die Abweichung von Erwartungen und Ergebnis deutlich machte, wenden sie nicht an. Fans sind unkritisch (solange sie nicht ernsthaft enttäuscht werden) und im Zweifel formt ihr Vorurteil alles zu toll und großartig und wunderbar.

Als universelles Ordnungsschema tauchen Vorurteile in vielen Spielarten auf: Sie beziehen sich auf Berufsgruppen (»Lehrer sind faul«), auf gesellschaftliche Bereiche (»Politik ist ein schmutziges Geschäft«) oder widmen sich einzelnen Produkten (»Bild ist eine Zeitung«). Vorurteile schließen von modischen Entscheidungen (Socken in Sandalen), kulinarischen Eigenheiten (Rotwein aus dem Kühlschrank) oder kulturellen Schranken (Popmusik versus Klassik) auf die Menschen, die sich in unchiclicher Weise kleiden, unappetitliche Gewohnheiten pflegen oder ihre Ohren malträtieren. Vorurteile reichen von selbst gestrickten Einschätzungen (»Jenseits der norddeutschen Tiefebene kriegt das Land Pickel, weil die Menschen so seltsame Dialekte sprechen.«) bis zu weithin akzeptierten Zuschreibungen (Moslems sind Islamisten). Dabei erscheinen sie in vielfältigen Formen und können simplen Widerwillen artikulieren, aber auch einen ausgefeilten Snobismus pflegen. Sie leiten die Wahrnehmung und darauf fußen ganze Industrien. Früher hieß es, es habe in der Zeitung gestanden, heute lautet die Beschwörung einer Tatsache, das Fernsehen habe berichtet. In beiden Fällen kommt den Medien das Vorurteil zu Gute, sie seien glaubwürdig.

Dem Schnellschuss des Urteils, das sich auf einen Ausschnitt beschränkt, stellt die Kritik in der Regel die Sicht auf das ganze Phänomen gegenüber. Sie versucht das Vorurteil zu kippen, indem es den wenigen im Stereotyp hervorgehobenen Facetten mit einer Vielfalt ihnen widersprechender Beobachtungen begegnet, die sie aus dem Zusammenhang gewinnt. Vorurteile veröden demnach das Sehen, das Denken, das Fühlen, weil mit dem Stoßseufzer »schon wieder« die Vorurteilenden einmal mehr nur das bereits Bekannte erkennen.

Da Vorurteile sich trotz wohl meinender Argumentationen, die sie aus der Welt schaffen möchten, hartnäckig halten, besteht eine andere Taktik im Umgang mit Vorurteilen darin, sie zu diskreditieren. Sie seien verkehrt, heißt es, weil sich die Träger der Scheuklappen mit ihrem Tunnelblick die Chance nähmen, selbst zu einem Urteil zu kommen und auf vorgefertigte Meinungen und vorgefasste Ansichten zurückgriffen. Das Vorurteil gleicht demnach einem Jägerzaun, mit dem man seinen Verstand einhegt.

Doch diese Sichtweisen des Vorurteils müssen sich vorwerfen lassen, selbst einem Vorurteil aufzusitzen.

Denn zunächst einmal erweisen sich Vorurteile als hilfreich: Wer mit der Einschätzung, rosa sei keine Farbe sondern eine Zumutung, einen Laden mit Kinderkleidung beträte, schränkte seine Auswahlmöglichkeiten schon im Vorwege ein und bräuchte einen großen Teil der Auslage gar nicht mehr zu berücksichtigen. Das Vorurteil hilft, den Wirrwarr der Vielfalt zu kanalisieren und schafft Übersichtlichkeit. Inwieweit die vorgefasste Ansicht gerechtfertigt ist, steht dabei nicht zur Debatte, es geht allein um die zügige Orientierung.

Die vor allem unter Soziologen in den fünfziger und sechziger Jahren geführten Diskussionen um Sinn und Unsinn von Vorurteilen beleuchteten weitere Aspekte. Demnach können Stereotype identitätsstiftend wirken, indem sie zur Abgrenzung einer Gruppe gegen eine andere verwendet werden (Städter gegen Vorstädter, Köln gegen Düsseldorf, Bayern gegen Preußen, Schalke gegen Dortmund, Ossis gegen Wessis usw. usf.).

Vorurteile reduzieren die komplexe Umgebung auf einfache, verständliche wiedererkennbare Muster, und Menschen ohne Vorurteile, so die Vorstellung der Soziologen, wären hilflos – unfähig zu handeln, weil ihnen die Orientierung fehlte. Sie scheiterten womöglich schon morgens nach dem Aufstehen an der Frage der Kleidung. Die eine Hälfte verbrächte einen großen Teil des Tages mit gründlichen Überlegungen vor dem Kleiderschrank um abzuwägen, welche Auswahl statthaft oder sinnvoll oder vielleicht auch moralisch tragbar wäre. Die andere Hälfte erschiene möglicherweise als ein Aufschrei gegen das Diktat der Mode auf der Straße, weil die unvoreingenommene Betrachtung ergeben hätte, es wäre durchaus kleidsam, wie Superman oder Batman die Unterhose über der Hose zu tragen.

Seltsamerweise sind die Einsichten der Soziologen nicht zu einem Allgemeinplatz geronnen, was die Vermutung nahe legt, das gesellschaftliche Vorurteil gegenüber dem Vorurteil habe einmal mehr die Oberhand behalten. Da Vorurteile allgegenwärtig und offenbar auch nützlich sind, verwundert ihre Ächtung, denn damit geht, neben den wohlfeilen Verurteilungen der Vorurteile, auch eine Nicht-Beachtung einher. Da sich Vorurteile durch Vernachlässigung aber bis zu einer Denkblockade auswachsen können (»Ausländer nehmen Arbeitsplätze weg«), scheint es sinnvoller, ihnen Aufmerksamkeit zu widmen und sie zu pflegen.

In verschiedenen Bereichen der Gesellschaft geschieht das auch. So gilt für Journalisten die Faustregel, mindestens mit zwei Quellen aufwarten zu müssen, wenn sie eine Story erzählen oder einen Trend basteln wollen. Um mehr als ein Vorurteil handelt es sich bei dem Glauben, zwei Quellen seien besser als eine, nicht, denn der Gehalt der Geschichten bleibt davon unberührt, wie etwa die Diskussionen um die Gesundheitsgefährdung durch neue Technologien zeigen. Mit der Ausbreitung des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert gingen die Warnungen vor den schädlichen Folgen der Geschwindigkeit genauso einher, wie Mutmaßungen zur Strahlenbelastung die allgemeine Verbreitung des Mobilfunks begleiteten. Doch abgesehen von der in der Faustregel enthaltenen Aufforderung zur Recherche, zeigt sich das Vorurteil – zwei Quellen sind besser als eine – entkleidet von den üblicherweise transportierten Inhalten und führt damit einen Schritt weiter. Denn so nimmt es die Form eines Rezepts an, das die Zutaten nicht berücksichtigt.

Zwar mag die journalistischen Regel schon in die erwünschte Richtung weisen, aber sie beseitigt, indem sie nur die Inhalte ausblendet, nicht den unbestreitbaren Nachteil aller Vorurteile, zuverlässig immer auf dasselbe Abstellgleis zu führen. Selbst ein wissenschaftlicher Rahmen kann Autoren nicht davor bewahren, alle Quellen über einen Kamm zu scheren, um dann einen Zusammenhang von Rasse und Intelligenz zu propagieren, wie das Beispiel »The Bell Curve« zeigt.

Einen weiteren Ansatzpunkt, dem Vorurteil beizukommen, liefert die Tradition der Kritik. Eigentlich verlangt Kritik, ein Phänomen anhand eines ausdifferenzierten Maßstabs zu beurteilen, oder ihn zumindest in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen zu entwickeln. Das machte aber den Vorteil des Vorurteils, schnell bei der Hand zu sein, zunichte. Wer will schon umständlich ein umfassend abgestütztes Urteil fällen, wenn es nur gilt, sich auf die Schnelle zu orientieren?

Anstatt einen Maßstab herbei zu ziehen oder zu entwerfen, lässt sich das Vorurteil selbst als Maß verwenden, indem sich das Augenmerk nicht auf das Bekannte sondern auf das Abweichende richtet.

Manche Lernprozesse lassen sich in dieser Weise beschreiben. So hat sich die Wahrnehmung von Fußballanhängern in den letzten zwanzig Jahren gewandelt, weg von Berichten über randalierende Hooligans, die auf ihren Fahrten in fremde Stadien regelmäßig ganze Züge demolierten und grölend durch die Innenstädte zogen, hin zu einer differenzierten Betrachtung von Fan-Kultur, die von den Vereinen teilweise gezielt gepflegt wird. Das Vorurteil, das Fußballfans und Krawallbrüder in eins setzte, hat sich als hinreichend irreführend erwiesen, weil die Vereine mit zurück gehenden Zuschauerzahlen zu kämpfen hatten, die Polizei überfordert war und die am Stammtisch orientierten Politiker mit ihren »Hau-drauf«-Parolen sich als wenig hilfreich erwiesen. Allerdings ist das Vorurteil trotz der heute gängigen Unterscheidungen in Ultras, verschiedene Fan-Gruppen, Gelegenheitsbesucher und Rauflustige nicht verschwunden, es wendet sich jetzt vorzugsweise gegen die von außen Einfallenden: die Briten, die Polen, die Serben – wo auch immer der Teufel an die Wand gemalt werden soll.

Nun ließe sich der Text zum Ende abrunden, in dem der am Anfang gezogene Faden erneut verwoben wird. Etwa durch den Hinweis, frau könne – vorbei am Vorurteil des schlampigen Mannes – die Abwaschberge dahin gestellt sein lassen und auch ohne geneigten Blick das Eigentümliche wahrnehmen, das mehr über den Gastgeber verrät – Dekoration, Raumaufteilung, Mobiliar, Bücher, Musik. Aber das hieße, im Ungefähren, wohltuend Diffusen zu verharren.

Schließlich kann sich das Herumnörgeln an den eigenen Vorurteilen höchst unterhaltsam gestalten. So führt es nur in eine schon hinreichend erkundete und damit unergiebige Sackgasse, einer Frau mit Kopftuch das Etikett »Schleiereule« anzuheften. Das unter dem Etikett Verschwundene lässt sich aber hervor holen, wenn der Rahmen gewechselt wird, und damit andere Fragen in den Vordergrund treten: Um was für ein Tuch handelt es sich und wie trägt sie es? Streng? Züchtig? Praktisch? Leger? Kess? Und mit einem Mal ginge es wie zu Zeiten von Grace Kelly und Audrey Hepburn um modische Gesichtspunkte.

Um sich gegen die Eintönigkeit zu wehren, mit der Vorurteile bis zum Überdruss das immer Gleiche erzählen, hilft es, den Standpunkt zu wechseln. Etwa um die Rolle der passiven Zuhörer bei den regelmäßig wiederkehrenden Meldungen zum Klimawandel zu verlassen. An die Stelle des schön beunruhigenden Schauers, der die Erzählungen von der geliebten Apokalypse begleitet, können dann Fragen treten: Welche Variablen wurden bei der Simulation berücksichtigt, welche Indikatoren verwendet, welche Algorithmen eingesetzt, welche Modelle heran gezogen?

Um das Unveränderliche, das Vorurteile suggerieren, aufzulösen, gilt es, den eigenen Gewohnheiten zu widersprechen. Das Vorurteil erweist sich dabei als hilfreich, weil es den Ansatzpunkt bietet, sich selbst auszuhebeln.

 

Putsch in Burkina Faso

Dienstag, 29. 9.  In Burkina Faso wurde heute ein gewaltsamer Schlusspunkt unter den Putschversuch der ehemaligen Präsidentengarde gesetzt. Der Anführer der Putschisten, General Gilbert Diendéré, flüchtete sich am Abend in die Nuntiatur, zum Botschafter des Vatikans, nachdem er zuvor bei der amerikanischen Botschaft abgewiesen worden sein soll.

Am Morgen hatte der Chef des Generalstabs der regulären Armee der Bevölkerung empfohlen, den Stadtteil Ouaga 2000, Wohnort vieler sehr reicher Burkinabè, zu meiden. Gleichzeitig wurde der Flughafen in Ouagadougou bis auf weiteres geschlossen. 

Im Lauf des Tages wurde Djibril Bassolé verhaftet, der unter dem geschassten Präsidenten Compaoré als Außenminister tätig war. Bassolé wird nachgesagt, zusammen mit Diendéré immer wieder Spannungen bei der  Entwaffnung der Garde orchestriert zu haben. Die Übergangsregierung hatte die Auflösung der Garde letzten Freitag beschlossen.

Gegen 17 Uhr Ortszeit waren Schüsse zu hören und kurze Zeit später angeblich auch Geschützfeuer. Etwas mehr als eine Stunde später forderte General Diendéré die übrig gebliebenen rebellierenden Gardisten auf, die Waffen nieder zu legen. Seinen Worten zufolge beklagten die ehemaligen Gardisten viele Tote und Verwundete durch den Beschuss des Lagers

(Spekulation: Es sieht so aus, als habe die Armee die Geduld mit Diendérés Lavieren und Hinhalten, um die Entwaffnung der Garde zu verzögern, verloren. Am Ende dieser Entwicklung hatte sich der General  zuletzt angeblich in den Bunker am Präsidentenpalast in Kossyam im Süden der Stadt geflüchtet, hinter dem sich auch das Lager der Garde befindet. Die Armee habe ihm dann mit schwerem Gerät klar gemacht, dass er auf verlorenem Posten stehe.)

Mittwoch, 23.9. nachmittags. Am Mittag übernahm der Präsident der Übergangsregierung, Michel Kafondo, offiziell wieder sein Amt. Damit übernehmen auch die Mitglieder der Übergangsregierung wieder ihre Posten. In seiner Rede betonte Kafondo, er werde keine Lösung akzeptieren, die nicht den Willen der Bevölkerung Burkina Fasos berücksichtigt.

Das zielt womöglich auf die ursprünglichen Motive der Putschisten, die von den Vermittlern der CEDEAO in ihren Vorschlag für eine friedliche Einigung übernommen wurden: Die Möglichkeit für Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei CDP bei den anstehenden Wahlen zu kandidieren und eine Amnestie für die Putschisten. Vertreter der Zivilgesellschaft hatten die Vereinbarung als »schändlich« bezeichnet und am Montag für Demonstrationen gesorgt.

Damit ist an dieser Stelle Schluss. Wer sich weiter informieren möchte und nicht über direkte Informationen aus Burkina verfügt, sei auf folgende Quellen verwiesen:

Mittwoch, 23.9. Gestern abend unterzeichneten Putschisten und Armee ein Abkommen, das den Konflikt beilegen soll. Demnach soll der Präsident der Übergangsregierung, Michel Kafondo, wieder eingesetzt werden. Zu dem Abkommen gehört auch der Abzug der Garde aus Ouagadougou. Einheiten der Garde haben sich daraufhin bereits in ein Militärcamp zurück gezogen. Es scheint allerdings, als habe der Anführer der Putschisten, General Diendéré, immer noch Schwierigkeiten, die Niederlage einzugestehen. 

Im Lauf des Tages soll erneut eine hochrangige Delegation der Gemeinschaft der Staaten Westafrikas (CEDEAO) in Burkina eintreffen und den Übergang zur Zivilregierung begleiten.

Dienstag, 22.9. Seit der Nacht verhandeln Armee und Putschisten - bislang ohne Ergebnis. Das erweckt den Eindruck, die Garde sei zwar geschlagen, wolle sich aber nicht ergeben. Es steht die Drohung von Chaos und Bürgerkrieg seitens des Putschistenführers, General Diendéré, im Raum. Den Putschisten spielt in die Hände, dass die Armee sich intern nicht einig zu sein scheint. 

In der Nacht auf Dienstag ist die Armee in Ouagadouogu eingerückt, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Sie verhandelt jetzt mit der Garde über deren Kapitulation. Ziel ist es, den Konflikt ohne Blutvergießen zu beenden.

Am Abend zuvor hat der eigentlich von den Putschisten unter Hausarrest gestellte Präsident Burkinas, Michel Kafondo, Zuflucht in der französischen Botschaft gesucht.

Montag, 21.9. abends. Womöglich ist der Spuk vorbei: General Diendéré, Anführer der Putschisten, hat sich in Ouagadougou unter den Schutz des lokalen Chefs der Mossi begeben, der Ethnie, die um Ouagadougou beheimatet ist. Es besteht Hoffnung, dass die führerlose Garde nun die Waffen streckt.

Montag, 21.9. Am Vormittag kommt es in Ouagadougou zu Demonstrationen, zu denen zivilgesellschaftliche Organisationen unter dem Stichwort »colère« (Zorn/Wut) aufgerufen haben. 

Am Nachmittag berichten lokale Radiostationen, die reguläre Armee ziehe Kräfte aus verschiedenen Teilen des Landes zusammen. Um 15h Ortszeit stehen Truppen bei Koudougou, etwa 100Km vor Ouaga. Das Militär fordert die Garde auf, die Waffen nieder zu legen und sich auf ein militärisches Camp zurück zu ziehen, wo sie und ihre Familien sicher sein werden.

Die Polizei drängt die Bewohner Ouagas, noch vor der Ausgangssperre nach Hause zu gehen.

Die Garde besteht aus 1200 Soldaten und gilt als die am besten bewaffnete Truppe in Burkina Faso.

Am Abend teilt Putschistenführer Diendéré per Presseerklärung mit, der bis dahin immer noch gefangen gehaltene Ministerpräsident Zida sei frei gelassen worden.

Sonntag, 20.9. Im Hotel Laico, wo die Verhandlungen stattfinden, werden wartende Journalisten und Diplomaten vorübergehend von rund 100 Anhängern der Putschisten bedrängt und bedroht. Die für den Morgen versprochene Nachricht wird erst am Abend veröffentlicht. Kernpunkte: Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei sollen bei den anstehenden Wahlen kandidieren dürfen, den Putschisten soll Straffreiheit garantiert werden und eine Reform der Armee (wohl vor allem die geplante Abschaffung der Garde) wird bis nach der Wahl verschoben. Noch am Abend lehnen Vertreter der Zivilgesellschaft die Vereinbarung als »schändlich« ab und werfen den Vertretern der CEDEAO vor, den Putsch zu legitimieren, indem sie die wesentlichen Forderungen der Putschisten anerkennen.

Samstag, 19.9. Am Abend scheint sich die Situation zu entspannen. Der Präsident Benins spricht von einer guten Nachricht, die am Sonntag morgen veröffentlicht werden soll. General Diendéré, Anführer der Putschisten, bringt sich als Präsident einer Übergangsregierung ins Gespräch.

Freitag, 18.9. In Vertretung der Gemeinschaft der Staaten Westafrikas (CEDEAO) treten die Präsidenten des Senegal, Macky Sall, und Benins, Boni Yayi, als Vermittler auf, Yayi ist aktuell auch Vorsitzender der Afrikanischen Union. 

Zehn Tote soll es geben, die Zahl der Verwundeten wird mit über 100 angegeben. Soldaten der Garde hatten auf Protestierende aber auch auf Unbeteiligte geschossen, darunter Frauen und Kinder.

Die Putschisten lassen Präsident Kafondo und die gefangen gehaltenen Minister wieder frei, Präsident Kafondo wird allerdings unter Hausarrest gestellt.  Premierminister Zida bleibt Gefangener der Garde. Isaac Zida, selbst Oberstleutnant der Garde, hatte sich nach der Vertreibung Compaorés selbst zum Präsidenten ernannt, wurde dann aber auch unter dem Druck der Garde zurück getreten. Er gilt als Ziehsohn des Putschistenführers Diendéré.

Donnerstag, 17.9. Als Anführer des Aufstands der Präsidentengarde präsentiert sich ihr General Gilbert Diendéré, ehemals Sicherheitschef und rechte Hand des vertriebenen Präsidenten Compaoré.

Die Bevölkerung reagiert mit Generalstreik und im Nu brennen auch wieder Barrikaden auf den Straßen, wie schon im Oktober letzten Jahres.

Die Afrikanische Union setzt die Mitgliedschaft Burkina Fasos aus. 

Mittwoch, 16.9. Die Präsidentengarde setzt am Nachmittag beim regelmäßigen Kabinettstreffen der Regierung Präsident Kafondo, Regierungschef Zida und einen Teil der Minister fest, darunter auch den Minister für die öffentliche Verwaltung, Augustin Loada. Am Abend erklären die Putschisten die seit letztem Jahr amtierende Übergangsregierung (Übergang bis zu den am 11. Oktober geplanten Wahlen) für abgesetzt und richten einen eigenen Nationalen Rat ein, der den Weg zur Demokratie sichern soll.

Zwei Motive lassen sich für den Putsch der Garde ausmachen: Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei CDP dürfen sich bei den anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen nicht zur Wahl stellen. Die Garde selbst soll aufgelöst werden.

Frage oder Antwort

Wenn wir eine Münze werfen, wählen wir Kopf oder Zahl. Hier werfen wir keine Münze, fragen aber ähnlich: Frage oder Antwort? Gibt es diese Wahl überhaupt? Wie fiele sie aus?

Der gängige Sprachgebrauch behandelt Frage und Antwort höchst unterschiedlich. Denn die Fragen ergeben sich, sie stehen im Raum, wir stolpern über sie – kurz gefasst, sie stellen sich. Dagegen müssen wir die Antworten suchen oder finden oder sie uns gar erarbeiten. Während die Fragen uns wie Kastenteufel ins Gesicht zu springen scheinen, kostet es Mühe, zu den passenden Antworten zu gelangen.

Trotzdem fällt es leicht, ein Übergewicht an Antworten festzustellen. In den Medien erweckt die Politik häufig genug den Eindruck, Antworten parat zu haben, noch bevor irgend jemand das Problem verstanden hat. In Buchläden liegen keine Fragenkataloge zum Kauf aus, statt dessen stapeln sich dort Ratgeber, die Antworten versprechen: »In 14 Tagen zum Nichtraucher«, »Zehn Schritte zum Erfolg«, »Richtig gut schreiben«. Antworten scheinen wohlfeil zu sein und sind überall anzutreffen. Die dazu gehörigen Fragen tauchen dagegen selten auf.

Das Phänomen der Antworten, denen die Fragen abhanden gekommen sind, existiert schon länger. So entstehen in den Schöpfungsgeschichten Menschen aus den Tränen des Gottes, werden aus Lehm geformt, oder wachsen aus der Saat von Drachenzähnen empor. Dabei lässt sich nur erahnen, wie die ursprünglichen Fragen, zu denen nur die Antworten überliefert sind, gelautet haben: »Woher kommt der Mensch?«, »Was zeichnet ihn aus?« Und dabei vernachlässigen wir die legitimen anderen: »Ist die Menschheit wirklich zum Heulen?«, »Wie hätte der Mensch ausgesehen, hätte es schon eine Töpferscheibe gegeben?«, »Welcher Zusammenhang besteht zwischen einem Rauch und Feuer speienden Drachen und einem Gift und Galle spuckenden?«

Mit der Zeit scheinen die Antworten die Fragen zu überlagern und lassen so nicht nur die Fragen sondern auch noch das anfängliche Rätseln, welche Antwort wohl passen könnte, in Vergessenheit geraten. Übrig bleiben Erzählungen und Gebräuche die einem aktuellen »Woher?« keinen Hinweis mehr auf ihren Ursprung geben können. Dann scheint es fraglos schon immer so gewesen zu sein. 

Gelegentlich verwenden auch zeitgenössische Antwortenhöker altbewährte Mechanismen, um ihre Antworten vor Fragen in Schutz zu nehmen. Dann fallen die Formulierungen wolkig aus und vermeiden Genauigkeit, um den Geltungsbereich der Antwort zu erweitern und keine Ansatzpunkte für Fragen zu liefern. Zur Not sparen die Antworten auch Aspekte aus und tabuisieren andere.

Zur Eigenart im Verhältnis von Frage und Antwort gehört auch die Annahme, es gebe eine Antwort. Obwohl schon die Alltagserfahrung lehrt, dass auf die Frage: »Schläfst Du?« eher keine positive Antwort folgt und andere Fragen gar nicht sinnvoll gestellt werden können, bleibt die Erwartung, auf eine Frage eine Antwort zu erhalten, bestehen. Vielleicht wirkt hier die Erfahrung der Kindheit nach, von Erwachsenen auf jede Frage eine Antwort zu bekommen. Später lässt auch die Schule meist nur noch eine Frage offen: Was passiert bei der Division durch Null?  Fast scheint ein unwillkürlicher Drang am Werk zu sein, nach Möglichkeit keine Frage unbeantwortet zu lassen. Ob die Antwort gültig ist (»Weihnachtsgeschenke bringt der Weihnachtsmann«) oder wie es um ihre Halbwertzeit bestellt ist (»die Welt ist eine Scheibe«), bleibt außen vor.

In dem Missverhältnis von Frage und Antwort, drückt sich eine erstaunliche Scheu vor offenen Fragen aus. Fast scheint es das Wichtigste zu sein, die durch offene Fragen markierten Leerstellen so schnell wie möglich zu schließen. Dadurch reduziert sich das Hin und Her von Frage und Antwort auf einen wenig ergiebigen einfachen Austausch. Die Frage, die sich aus einer verwunderten oder genaueren Betrachtung ergibt, und den Auftakt zu einer Auseinandersetzung bilden kann, findet so häufig genug ein frühes Ende, indem die Antwort einen Punkt setzt.

Eigentlich sollte sich die Illusion einer endgültigen Antwort lange verflüchtigt haben, doch die Vorstellung einer abschließenden Antwort scheint so anziehend zu sein, dass die naheliegende Sichtweise eines fortlaufenden Wechsels von Frage und Antwort es schwer hat, sich durchzusetzen. Dabei dürfte eine Antwort, die das Fragen nicht zum Schweigen bringt, sondern die Auseinandersetzung fördert, wertvoller sein, als eine, die sich als der Weisheit letzter Schluss ausgibt.

So gesehen können wir aus der Frage auch einen Maßstab für eine Antwort gewinnen. Der Maßstab orientierte sich daran, inwieweit eine Antwort Ansatzpunkte für Fragen bietet, oder gar weitere Fragen mitbringt. Eine Antwort wäre demnach nur so gut, wie die Fragen, die sie ermöglicht.

Leserwerbung

Es sei denn, natürlich, die Leser bleiben aus. Und schicksalsergeben auf Leser warten, zerrt so sehr an den Nerven, dass man sie auch verlieren kann – wie Ramón Gutierrez Martín. Einen Verleger hatte Ramón noch gefunden, sein Buch erschien auch ordnungsgemäß, einige Buchhandlungen stellten es sogar in ihren Schaufenstern aus, aber die Kritiker schwiegen und das Buch fand keine Käufer. Ramón hoffte auf Mundpropaganda, die ihm sein Verleger versprach, doch es blieb bei den in den ersten drei Monaten verkauften 87 Exemplaren. Danach verschwand seine Geschichte aus den Auslagen, erhielt mancherorts noch Asyl im Regal, bevor das Buch aus dem Katalog gestrichen wurde und nach einem kurzen Auftritt im Billigangebot endgültig verschwand. Ramón folgte nicht den Ratschlägen seiner Freunde, den Misserfolg zu vergessen und sich erneut an die Arbeit zu machen, sondern haderte mit der namenlosen, gesichtslosen Ungerechtigkeit. Hätten ihn Kritiker wenigstens verrissen, er hätte sie verfluchen können; hätten sich zumindest die Leute am Nachbartisch im nachmittäglichen Café oder in den abendlichen Bars abgeraten, zu seinem Buch zu greifen, er hätte sich missverstanden fühlen können. Aber so erschien ihm die Welt verkehrt – eine Welt, in der er rief, aber kein Echo folgte, eine Welt, in der das Wasser den Stein schluckte, ohne ihn mit Wellen zu quittieren – und so verlor er schließlich die Nerven.

Er entführte am hellichten Tag an der Promenade seiner
Heimatstadt Gijon eine junge Frau, die gerade die Tiefgarage verlassen wollte. Er setzte sich einfach zu ihr ins Auto und ließ sie den Lauf einer Spielzeugpistole sehen, woraufhin sie ihm hoch und heilig alle möglichen Kastrationsarten versprach, sollte er sie auch nur anrühren. Es wäre wohl noch in der Ausfahrt der Parkgarage zu Komplikationen gekommen, hätte es der Fahrer im Wagen hinter ihnen nicht eilig gehabt und seine Ungeduld durch Hupen und eine unflätige Schimpfkanonade unterstrichen. Das raubte der jungen Frau die Besinnung – sie verfluchte den Tag, den Verrückten neben ihr, den Idioten hinter ihr, die Männer im allgemeinen und trat auf's Gas. Ramón fühlte sich überrumpelt von den Ereignissen und noch mehr von der Wut mit der sie ihn anfuhr, wohin sie jetzt fahren solle. Er hatte sich den Ablauf seiner erzwungenen Einladung sehr viel vernünftiger, besonnener ausgemalt. Statt dessen fuhr sie beängstigend schnell und rücksichtslos und schmähte ihn ohne Unterlass, ohne Punkt und Komma als »Gauner Halunke Verbrecher Terrorist Psychopath Bandit Gangster Kidnapper Ganove Verrückter Wahnsinniger«, bis es ihm gelang, in einer Atempause »Autor« einzuwerfen.

Das brachte sie zum Schweigen und er dirigierte sie vorbei am Einbahnstraßengewirr der Innenstadt in Richtung des Industriegebiets am Hafen. Er hätte gerne die Gelegenheit genutzt, um ihr Verständnis zu werben mit den Worten, die er sich dafür zurecht gelegt hatte und die in der Kladde am Abend zuvor noch als ein Echo der Vernunft erkennbar gewesen waren. Doch der unplanmäßige Verlauf seiner Leserakquise verlieh nicht nur der Formulierung »ich beschwöre Sie«, mit der er seine Verzweiflung hatte ausdrücken wollen, etwas Wahnhaftes – die Pistole verkehrte seine Worte. Daher fragte er sie statt dessen nach ihrem Namen, etwas Besseres fiel ihm nicht ein. »Begoña«, fauchte sie ihn an und stand spürbar kurz vor einem neuen Wutausbruch, den er zu verhindern suchte, indem er ihr erklärte, sie solle nur lesen. Die Panik, in die sie daraufhin verfiel, verwirrte ihn, und er beeilte sich zu beteuern, mehr wolle er wirklich nicht, ganz bestimmt, und sie solle sich keine Sorgen machen.

Die Angst, sie könne in ihrer Verfassung etwas Irrationales tun, bewog ihn, sie in der erstbesten freien Parkbucht anhalten zu lassen. Es war zwar nicht so abgelegen, wie er sich das vorgestellt hatte, aber es waren keine Passanten auf der Straße zu sehen und die Häuser präsentierten mit blinden Fenstern und geschlossenen Läden eine hinreichend desinteressierte Fassade. Also zerrte er sein Buch, eines seiner Freiexemplare, aus der Jackentasche und drängte es ihr auf: »Hier, lesen Sie.« Ihrem Blick, der ihm allzu deutlich ihre Angst mitteilte, er sei nicht bei Verstand, wich er aus und gab nur einen Wink mit der Pistole, sie möge sich beeilen. Er bedauerte die Geste sofort, denn im Nu flogen ihre Finger und beinahe hätte sie das Buch fallen gelassen. Nun beschwor er sie doch und brachte sie immerhin dazu, das Buch zu öffnen. Sie fuhr mit dem Finger rätselnd über die Stellen an denen er seinen Namen aus Schmutz- und Titelblatt geschnitten hatte und begann: »Zweifelnd an einer Welt, die keine großen Aufgaben bereithielt, in der er versagte, weil die Aufgaben zu klein und die Träume zu groß waren«. »Nicht vorlesen, nur lesen«, schnappte er und widerstand dem Impuls, die Aufforderung mit der Pistolenhand zu unterstreichen.

Er sah ihr zu, musterte zum ersten Mal bewusst das unerbittliche Stahlgrau der Wolken, hörte das Umblättern und brodelte langsam vor Ungeduld: Wie lange konnte man zum Lesen brauchen? Zehn Seiten, hatte er sich überlegt, sollten reichen, um seine Frage anbringen zu können: Was halten Sie davon? Hatte sie überhaupt schon drei gelesen? Das wolkentrübe Licht tünchte die leere Straße zusätzlich in Tristesse. Hätte er besseres Wetter abwarten oder eine andere Gegend aussuchen sollen? »Sie lesen sehr langsam«, hielt er ihr schließlich vor und zuckte zurück, als sie ihn mit dem Buch bewarf, so könne sie überhaupt nicht lesen, sie habe jede Seite schon drei Mal und nichts behalten.

Das in ihrer entgleisenden Stimme mitschwingende Selbstmitleid brachte ihn auf: Wem ging es hier eigentlich schlecht? Er schnauzte sie zur Ruhe, entschuldigte sich dann für seinen Ton, griff sich das Buch und schlug besänftigend vor, sie möge ihm einfach zuhören: »Zweifelnd an einer Welt, die keine großen Aufgaben bereithielt, in der er versagte, weil die Aufgaben zu klein und die Träume zu groß waren«. Er las, die Pistole beiseite gelegt, ihr, soweit es der Sitz zuließ, zugewendet und kam bis zum Ende der zweiten Seite, als sie ihn fragte, ob sie eine Zigarette, aus ihrer Handtasche und deutete auf die Rückbank. Er zuckte kurz angebunden mit den Schultern, blätterte um, und dann ging alles sehr schnell. Das Kramen in ihrer Handtasche bekam er noch mit, aber als er gereizt aufsah, hielt sie ihm eine Spray-Dose ins Gesicht und drückte ab. Der Schmerz stach in den Augen, bohrte in ihnen herum und das Zischen der Dose schien nicht enden zu wollen. Hinter seinem abwehrenden Fuchteln, taub durch das eigene Geschrei, bekam Ramón die Flut ihrer Flüche, mit denen sie ihn belegte, nicht mit, auch nicht das Klappen der Tür, als sie schließlich aus dem Wagen kletterte. Als sein Denken wieder einsetzte, hörte er auf, sich die Augen zu reiben, konzentrierte sich statt dessen aufs Weinen und rätselte seltsamerweise, ob sie ihn reingelegt hatte, ob sie überhaupt rauchte. Das erste, was er sah, als der Tränenschleier sich verzog, war eine Polizeiuniform.

Nachdem die Zeitungen über seinen Fall berichtet hatten, brach sich die Belustigung Bahn. Es kursierten Fotos von Pistolen und Büchern, Lesern mit Schusslöchern in Händen oder Füßen, Wangen oder Ohren, zerschossenen Büchern, erschossenen Autoren, gerne auch kombiniert und häufig versehen mit dem Slogan »Lesen? Zu gefährlich!« Die Leute tauschten Videos, in denen arglose Kunden im Supermarkt eingefangen, eingepfercht und dann von einem Vorleser tyrannisiert wurden, in denen gefesselten Lesern (vorzugsweise, aber nicht nur in der Sado-Maso-Variation von Dominas) vorgelesen wurde oder ein Erschießungskommando seine Opfer durch Vorlesen hinrichtete. Und in den Schulen marterten Lehrer die Schüler mit dürftigen Witzen à la »Lies oder ich schieß«. Kurz: Ramón war zu einer landesweiten Berühmtheit geworden. Als er schließlich vor Gericht erscheinen musste, begrüßten ihn viele Zuschauer mit Transparenten, mit T-Shirts, mit Kappen, die das Thema weiterspannen: »Nicht schießen: Analphabet.« Etwas ungewöhnlich wirkte das groß gedruckte »Ich lese«, dem erst beim Näherkommen das Kleingedruckte, »Kaffeesatz«, widersprach. Als das Fernsehen in den Abendnachrichten einen aus der Menge zeigte, der als Blinder auftrat mit dem T-Shirt »Was ein Glück, ich bin taub«, erhielt die ganze Geschichte noch einmal neuen Schwung.

Der Richter strafte Ramón mit Mitleid, behandelte ihn mit rücksichtsvoller Vorsicht, als sei er krank, und Ramón fühlte sich dort im Sitzungssaal tatsächlich missverstanden, zumal ihm sein Anwalt auch noch jegliche Klarstellung untersagte. Am Ende ließ ihn der Richter auf Bewährung davon kommen, verpflichtete ihn aber zum regelmäßigen Besuch bei einem Psychiater.

Zumindest in einer Hinsicht hat sich Ramóns Leben grundlegend verändert, er wird zwar immer noch nicht gelesen, aber er verdient jetzt Geld damit. Dank seiner Bekanntheit begleitet er andere Autoren als Performance-Künstler und unterhält das Publikum mit Darbietungen des Nicht-Schreibens und des Nicht-Lesens. Besonders den zweiten Teil, wenn er in einem leeren Buch blättert, nicht liest und dabei immer wieder ins Publikum schaut, gestalten seine Fans als Ritual. Bei jedem Rundblick ergeben sie sich mit erhobenen Händen, rufen "nicht schießen, nicht schießen" und tauchen den Saal in Konfetti-Regen, wenn Ramón die Nase wieder in die unbedruckten Seiten steckt. Angeblich stammten die Papierschnipsel bei seinen ersten Auftritten aus der Restauflage seines berüchtigten Romans. Ein geschäftstüchtiger Anhänger soll sie erstanden haben, um sie in gehäckselten Portionen zu verkaufen.

[Nein, ich weiß nicht, was aus Begoña geworden ist. Ich bin nur der Chronist und habe mich Bei der Darstellung an die Berichterstattung der lokalen Blätter »GiGa« (eigentlich »Gijon Gaceta«) und »Diario de Asturias« gehalten. Sie erwähnen zwar noch Ramóns zweite Karriere, verlieren aber kein Wort mehr über sein Opfer.]

Was ist Fortschritt?

Auszug:

| (21:38:05) DerEine: man darf doch noch ne anständige partie golf spielen
| (21:38:19) DerAndere: ja ne, nich wenn ich was will!
| (21:38:35) DerAndere: hassu alle fragen gelesen?
| (21:38:44) DerAndere: oder muss ich jetz nochma formulieren
| (21:38:45) DerAndere: ?
| (21:38:46) DerEine: ja ja ja
| (21:38:57) DerEine: also zur ersten
| (21:38:58) DerEine: arrrr
| (21:39:05) DerEine: warte kurz,muss erstma ankommen
| (21:39:06) DerAndere: was war das erste??
| (21:39:07) DerAndere: xDD

Nein, das ist kein Abhörprotokoll, es dreht sich auch nicht um eine Variation auf die Dialogromane von Arno Schmidt, und die nächste Stufe der Rechtschreibreform steht auch nicht zur Debatte. Es handelt sich nur um einen Mitschnitt aus einem Chat. Er umfasst rund eine Minute, wobei Anlass und Ausgang der Unterhaltung nicht bekannt sind.

Trotzdem zeigt der Mitschnitt ein paar Phänomene: Die sich hier unterhaltenden Schüler missachten, wenn auch nicht gewissenhaft, die Regeln der Rechtschreibung, um ihrem Sprachgehäcksel den Tonfall der gesprochenen Sprache zu verleihen. Dabei wird die nonchalante Kleinschreibung begleitet von Tippfehlern (etwa xDD statt xD als Smiley für lautes Lachen), die der Hast geschuldet sind, mit der die Finger über die Tastatur huschen. Denn das Schreibtempo orientiert sich, wie schon die Schreibweise, am Gesprochenen. Mit ihren gemeinsamen 240 Anschlägen in der Minute erreichen die beiden immerhin das Tempo ausgebildeter Schreibkräfte. (Die Geschwindigkeit hier ist Hexerei, da die Chat-Programme mehrere Dialoge gleichzeitig ermöglichen und beide Schreiber aller Warscheinlichkeit nach in derselben Minute parallel weitere Gespräche führten.)

Der Fortschritt wird deutlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass Ende der 60er Jahre zum ersten Mal Rechner an weit auseinander liegenden Standorten der USA miteinander vernetzt wurden. Ziel der Forschung war es, ein auch im Kriegsfall ausfallsicheres Kommunikationsnetz zu schaffen. Die erste E-Mail ging in den 70er Jahren über die Leitung. In den 80ern wuchs das Internet langsam über die universitären Grenzen hinaus und ab den 90er Jahren wurden in Goldgräberstimmung Datenkabel rund um den Globus gezogen, und an den Kabelenden Rechenzentren aufgebaut. Über Glasfaserleitungen blinken seitdem Datenpäckchen rund um die Erde und sind wieder am Ausgangspunkt, bevor der Sekundenzeiger sich bewegen konnte.

Am Ende diente also der ganze Aufwand dazu, Schnickschnack von einem Kinderzimmer ins andere schicken zu können – blitzschnell und bombensicher.