aktualisiert: Carl Einstein - Bebuquin

Die Titelei der Erstausgabe von 1912 bezeichnet das Büchlein als Roman. Thesenschleuder wäre wohl treffender, denn die Figuren in diesem Experiment sprechen selten miteinander sondern eher nebeneinander (wenn nicht ein leeres Zimmer die Hauptfigur in einen Monolog zwingt). Zudem stecken die Thesen nicht nur in den Äußerungen der Protagonisten, sondern der Autor beteiligt sich munter an diesem Spiel: Er bricht der Synästhetik eine Lanze, wenn er Farben zu Gehör bringt oder unterhält mit erhellenden Analogien, wenn der Sonnenstrahl zum Lichtschlag gerät. 

Seine Anregungen bezieht das Buch aus Philosophie, Ästhetik, Religion und es wählt das Café, den Zirkus, das Kloster oder auch die Stube als flüchtig angedeutete Hintergründe für das kaum stattfindende Geschehen. Jenseits der am Rande eingeflochtenen unglücklichen Liebe verdünnisieren sich die Handlungen gerne ins Absurde, ins Groteske oder auch ins Surreale. Und so gerät durch den Austausch der sich häufig widersprechenden Thesen als raison d'être des Romans vor allem eines in den Blick: Indem das Buch die Widersprüche nicht auflöst, kündigt es tradierte Zusammenhänge auf und probiert neue aus. (Übrigens: Während Einstein am Roman schrieb, begann in Frankreich der zwei Jahre jüngere Marcel Duchamp ebenfalls seine Arbeit.)

Der vorliegende Text ist dem deutschen Projekt Gutenberg entnommen. Leider wirkt das Digitalisat an vielen Stellen uneinheitlich und fehlerhaft. Ein flüchtiger Vergleich mit Auszügen des Digitalisats der zweiten Ausgabe von 1917 bestätigt diesen Eindruck. Hier steht noch ein Abgleich an

Aktualisiert: Der Text des E-Books enthält jetzt die Fassung der Erstauflage von 1912. Die Abbilder der Buchseiten wurden mittels OCR in Text überführt und die Texte mit den Abbildern wieder abgeglichen. Bei Interesse an den Scans bitte eine Mail schicken.

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Alfred Wolfenstein - Die gottlosen Jahre

Unaufhaltsam schrumpft der Himmel, WolkenErnst Ludwig Kirchner - Der rote Turm in Halle
Kommen breit aus allen Horizonten,
Fahle fremde Schattenkörper kalken
Ihre Decke über den entsonnten. 

Ein Wetterbericht, der in solchen Worten zunehmende Bewölkung beschriebe, stieße auf Unverständnis. Aber das Alltägliche in gesuchte Worte zu kleiden und es in Versen zu rhythmisieren soll es dem Altbekannten entziehen. Denn die drei Strophen unter der Überschrift »Natur« knüpfen an die Beobachtung des aufziehenden Unwetters das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins an die Launen der Natur. Am Ende treibt das Wetter den Beobachter zurück in die Stadt, die zwar keine Horizonte hat, aber dafür verständlich wirkt.

Und die Erde, trübe abgeschnitten,
Hat ein hoher Stern zu sein geendet
. . Meine Augen, die es machtlos litten,
Stehn von Zorn und Gräue abgeblendet.

Wetter, werdend ohne meine Hände,
Wie ein Schicksal ungewollt und wehe,
Treibt mich nun zur Stadt und in die Wände,
Deren stete Enge ich verstehe. 

Alfred Wolfenstein, geboren 1883 in Halle, blieb vom Schlachten im Ersten Weltkrieg verschont, weil er untauglich war fürs Militär. Ab 1912 schrieb er regelmäßig für »Die Aktion« und 1914 erschien der hier vorliegende Gedichtband »Die gottlosen Jahre«. In den 20er Jahren betätigte Wolfenstein sich neben seinen schriftstellerischen Arbeiten als Übersetzer aus dem Französischen und dem Englischen. 1933 floh er aus Deutschland erst nach Prag und dann weiter nach Paris. 1940 verhafteten ihn die Nazis und warfen ihn vorübergehend ins Gefängnis. Im Januar 1945 nahm sich Wolfenstein in einem Pariser Krankenhaus, das er wegen seines Herzleidens aufgesucht hatte, das Leben.

Die Texte sind mit den Scans der Erstauflage von 1914 (https://archive.org/details/3322503) abgeglichen, die das Internet Archive zur Verfügung stellt.

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Else Lasker-Schüler - Briefe nach Norwegen

Anlass für die Briefe war eine Reise nach Norwegen, die Herwarth Walden zusammen mit seinem Freund Kurt Neimann Ende August / Anfang September 1911 unternahm. Else Lasker-Schüler ist zu diesem Zeitpunkt noch mit Herwarth Walden, dem Herausgeber des »Sturm« verheiratet, das Paar hatte sich aber bereits im Jahr zuvor getrennt. Bei dem Café, aus dem Lasker-Schüler häufig berichtet oder auf das sie vorzugsweise Bezug nimmt, handelt es sich um das Café des Westens am Ku'damm (heute Kranzler Eck), das in jener Zeit ein Treffpunkt der Berliner Bohemiens und Künstler war.

Die Bedingungen zu umreißen, unter denen die Briefe entstanden sind, hat hier nur den Zweck, das Ungewöhnliche hervor zu heben: Else Lasker-Schüler verbindet in den Texten nahtlos das Private mit dem Öffentlichen, das Fiktive mit dem Realen. Sie schlägt stellenweise jenen vertrauensvollen Ton gegenüber »Herwarth« an, der auf den Ehemann verweist und präsentiert sich am Ende des Absatzes als »Der Prinz von Theben«, eine Figur ihrer Fantasie. 

Sie muss sich um Wortspiele nicht bemühen, sondern sammelt sie nebenbei ein, wenn sie von Kurt Hillers »Gnu Cabaret« »gnug« hat und verwandelt so den Umgang mit der Sprache in ein beschwingtes Spiel. Sie fügt sich der Sprache, hat sich ihr anheim gegeben und erntet damit »Wortgeschmeide« und Neuschöpfungen. Wenn sie bedrückt ist, antwortet sie mit »Gallienhumor«, was als Galgenhumor oder galliger Humor in Berliner Mundart gelesen werden kann (und nimmt damit Arno Schmidts Verschreibweise vorweg). Die Sorge um die adäquate Wortfassung hat bei EL-Sch (in Karl Kraus' Schreibweise) stets Vorrang und der Verzicht auf regelkonforme Formulierungen ermöglicht immer wieder Schlaglichter auf ihre Umgebung. Zudem entwickeln die Briefe gerade darüber einen Charme und einen Humor, dem man sich auch 100 Jahre später nicht entziehen kann. 

Wer eine gedruckte Ausgabe bevorzugt, kann die leicht überarbeitetten Briefe unter dem Title »Mein Herz« beim Suhrkamp Verlag bekommen.

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Ernst Stadler - Der Aufbruch

Ernst Stadler - Der AufbruchAls »Der Aufbruch« 1914 erschien, war Ernst Stadler über 30 Jahre alt, und hatte sich bereits als Herausgeber, Autor, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Kritiker einen Namen gemacht. Der Titel lässt sich mit Blick auf seine Biographie in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen verstehen. Zum einen löste sich Stadler von alten Vorbildern, etwa Stefan George, und orientierte sich an verschiedenen Stellen eher an Walt Whitman. Zum anderen wirkt das Buch ein wenig wie eine persönliche Rückschau: Stadler befasst sich mit dem Erwachen der Sexualität und dem schlechten Gewissen, das ihm dadurch von seiner katholischen Erziehung aufgebürdet wird. Er beschreibt das Leben als Städter und stellt ihm das ländlich geprägte Dasein in der Kleinstadt entgegen, wo Straßen und Brücken nicht vom »Lärm versperrt« sind. Und immer wieder befasst er sich mit Landschaften, die er sich letztlich auch als Rückzugsort erträumt - vorzugsweise, so scheint es, eine von Weingärten durchzogene Hügellandschaft. als die er auch das heimische Elsass beschreibt.

Stadler fiel drei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs bei Ypern - acht Wochen nach dem der von ihm übersetzte Charles Péguy bei Villeroy umgekommen war.

Die Texte sind mit dem Scan der Erstauflage abgeglichen, den das Projekt Lyriktheorie der Universität Duisburg-Essen zur Verfügung stellt.

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Lob des Vorurteils

Vorurteile leiden unter dem Vorurteil, sie seien von Übel. Das Vorurteil, heißt es, beschränke die Wahrnehmung auf ein Klischee, es sei das Brett vor dem Kopf, das den Blick auf das Wahre, das Eigentliche, das Wirkliche verstelle. Es dürfte dem schlechten Ruf zuzuschreiben sein, wenn die Ansätze, Vorurteile vorurteilsfrei zu betrachten, eher selten zu finden sind. Womöglich trübt dieser blinde Fleck die Wahrnehmung, indem er vor allem die Schattenseiten ins Blickfeld rückt und die Vorteile, die Vorurteile mit sich bringen, ausspart.

Das Vorurteil bewegt sich im Normalfall im Kreis: Es schiebt der Wahrnehmung ein Muster unter und sieht sich bestärkt, wenn das Muster in der Wahrnehmung auftaucht. Angenommen, Frauen verträten die Ansicht, Männer seien nachlässig in der Haushaltsführung. In der Folge nähmen sie die Pfandflaschensammlung, den Turmbau mit benutztem Geschirr in der Spüle, die Spuren der letzten Rasur im Waschbecken immer dann zur Kenntnis, wenn es sich um die Wohnung eines Mannes handelte, und sähen sich dadurch in ihrer Voreingenommenheit, »Männerhaushalt«, bestätigt. Der Gedanke, ihre Wahrnehmung könnte getrübt sein, käme ihnen gar nicht, und noch weniger fiele es ihnen ein, ihre Beobachtungen mit Belegen zu unterfüttern und mitzuzählen, wie viele Wohnungen sie besuchen, und in wie vielen Fällen Tohuwabohu herrscht. Sie bräuchten keine private Statistik, denn sie verfügten durch eine ganze Reihe von Anekdoten über genügend Belege, die immer wieder die eine Einschätzung stützten: Männer sind Schlampen.

Vorurteile müssen nicht einmal offen zu Tage treten, sondern können, wie in der Abgrenzung der Geschlechter, in der Sprache auch unterschwellig transportiert werden. So gibt es zwar den Rüpel, den Flegel, den Rabauken, den Lümmel und eine ganze Reihe ähnlicher abfälliger Bezeichnungen, die auf die männliche Hälfte der Menschheit gemünzt sind, aber es fehlt die weibliche Variante – zwar treiben durchaus Flegelinnen ihr Unwesen, aber trotzdem kennen die Wörterbücher die weibliche Form nicht. Das Stereotyp der Rollenzuschreibung legt das Wohlerzogene und Manierliche fest, das Ungehobelte oder die Verletzung der Etikette sieht es dagegen nicht vor.

In Form einer positiven Rückkopplung funktioniert das Vorurteil natürlich auch. So erspart sich die Fan-Kultur gerne kritische Auseinandersetzungen mit den Idolen, indem sie die Helden als sakrosankt verklärt. In den Augen ihrer Anhänger können die Abgötter gar nicht anders: Jede ihrer Äußerungen gilt den Voreingenommenen als ein Abglanz der Aura, mit der sie die Objekte ihrer Verehrung umgeben. Einen Maßstab, der die Abweichung von Erwartungen und Ergebnis deutlich machte, wenden sie nicht an. Fans sind unkritisch (solange sie nicht ernsthaft enttäuscht werden) und im Zweifel formt ihr Vorurteil alles zu toll und großartig und wunderbar.

Als universelles Ordnungsschema tauchen Vorurteile in vielen Spielarten auf: Sie beziehen sich auf Berufsgruppen (»Lehrer sind faul«), auf gesellschaftliche Bereiche (»Politik ist ein schmutziges Geschäft«) oder widmen sich einzelnen Produkten (»Bild ist eine Zeitung«). Vorurteile schließen von modischen Entscheidungen (Socken in Sandalen), kulinarischen Eigenheiten (Rotwein aus dem Kühlschrank) oder kulturellen Schranken (Popmusik versus Klassik) auf die Menschen, die sich in unchiclicher Weise kleiden, unappetitliche Gewohnheiten pflegen oder ihre Ohren malträtieren. Vorurteile reichen von selbst gestrickten Einschätzungen (»Jenseits der norddeutschen Tiefebene kriegt das Land Pickel, weil die Menschen so seltsame Dialekte sprechen.«) bis zu weithin akzeptierten Zuschreibungen (Moslems sind Islamisten). Dabei erscheinen sie in vielfältigen Formen und können simplen Widerwillen artikulieren, aber auch einen ausgefeilten Snobismus pflegen. Sie leiten die Wahrnehmung und darauf fußen ganze Industrien. Früher hieß es, es habe in der Zeitung gestanden, heute lautet die Beschwörung einer Tatsache, das Fernsehen habe berichtet. In beiden Fällen kommt den Medien das Vorurteil zu Gute, sie seien glaubwürdig.

Dem Schnellschuss des Urteils, das sich auf einen Ausschnitt beschränkt, stellt die Kritik in der Regel die Sicht auf das ganze Phänomen gegenüber. Sie versucht das Vorurteil zu kippen, indem es den wenigen im Stereotyp hervorgehobenen Facetten mit einer Vielfalt ihnen widersprechender Beobachtungen begegnet, die sie aus dem Zusammenhang gewinnt. Vorurteile veröden demnach das Sehen, das Denken, das Fühlen, weil mit dem Stoßseufzer »schon wieder« die Vorurteilenden einmal mehr nur das bereits Bekannte erkennen.

Da Vorurteile sich trotz wohl meinender Argumentationen, die sie aus der Welt schaffen möchten, hartnäckig halten, besteht eine andere Taktik im Umgang mit Vorurteilen darin, sie zu diskreditieren. Sie seien verkehrt, heißt es, weil sich die Träger der Scheuklappen mit ihrem Tunnelblick die Chance nähmen, selbst zu einem Urteil zu kommen und auf vorgefertigte Meinungen und vorgefasste Ansichten zurückgriffen. Das Vorurteil gleicht demnach einem Jägerzaun, mit dem man seinen Verstand einhegt.

Doch diese Sichtweisen des Vorurteils müssen sich vorwerfen lassen, selbst einem Vorurteil aufzusitzen.

Denn zunächst einmal erweisen sich Vorurteile als hilfreich: Wer mit der Einschätzung, rosa sei keine Farbe sondern eine Zumutung, einen Laden mit Kinderkleidung beträte, schränkte seine Auswahlmöglichkeiten schon im Vorwege ein und bräuchte einen großen Teil der Auslage gar nicht mehr zu berücksichtigen. Das Vorurteil hilft, den Wirrwarr der Vielfalt zu kanalisieren und schafft Übersichtlichkeit. Inwieweit die vorgefasste Ansicht gerechtfertigt ist, steht dabei nicht zur Debatte, es geht allein um die zügige Orientierung.

Die vor allem unter Soziologen in den fünfziger und sechziger Jahren geführten Diskussionen um Sinn und Unsinn von Vorurteilen beleuchteten weitere Aspekte. Demnach können Stereotype identitätsstiftend wirken, indem sie zur Abgrenzung einer Gruppe gegen eine andere verwendet werden (Städter gegen Vorstädter, Köln gegen Düsseldorf, Bayern gegen Preußen, Schalke gegen Dortmund, Ossis gegen Wessis usw. usf.).

Vorurteile reduzieren die komplexe Umgebung auf einfache, verständliche wiedererkennbare Muster, und Menschen ohne Vorurteile, so die Vorstellung der Soziologen, wären hilflos – unfähig zu handeln, weil ihnen die Orientierung fehlte. Sie scheiterten womöglich schon morgens nach dem Aufstehen an der Frage der Kleidung. Die eine Hälfte verbrächte einen großen Teil des Tages mit gründlichen Überlegungen vor dem Kleiderschrank um abzuwägen, welche Auswahl statthaft oder sinnvoll oder vielleicht auch moralisch tragbar wäre. Die andere Hälfte erschiene möglicherweise als ein Aufschrei gegen das Diktat der Mode auf der Straße, weil die unvoreingenommene Betrachtung ergeben hätte, es wäre durchaus kleidsam, wie Superman oder Batman die Unterhose über der Hose zu tragen.

Seltsamerweise sind die Einsichten der Soziologen nicht zu einem Allgemeinplatz geronnen, was die Vermutung nahe legt, das gesellschaftliche Vorurteil gegenüber dem Vorurteil habe einmal mehr die Oberhand behalten. Da Vorurteile allgegenwärtig und offenbar auch nützlich sind, verwundert ihre Ächtung, denn damit geht, neben den wohlfeilen Verurteilungen der Vorurteile, auch eine Nicht-Beachtung einher. Da sich Vorurteile durch Vernachlässigung aber bis zu einer Denkblockade auswachsen können (»Ausländer nehmen Arbeitsplätze weg«), scheint es sinnvoller, ihnen Aufmerksamkeit zu widmen und sie zu pflegen.

In verschiedenen Bereichen der Gesellschaft geschieht das auch. So gilt für Journalisten die Faustregel, mindestens mit zwei Quellen aufwarten zu müssen, wenn sie eine Story erzählen oder einen Trend basteln wollen. Um mehr als ein Vorurteil handelt es sich bei dem Glauben, zwei Quellen seien besser als eine, nicht, denn der Gehalt der Geschichten bleibt davon unberührt, wie etwa die Diskussionen um die Gesundheitsgefährdung durch neue Technologien zeigen. Mit der Ausbreitung des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert gingen die Warnungen vor den schädlichen Folgen der Geschwindigkeit genauso einher, wie Mutmaßungen zur Strahlenbelastung die allgemeine Verbreitung des Mobilfunks begleiteten. Doch abgesehen von der in der Faustregel enthaltenen Aufforderung zur Recherche, zeigt sich das Vorurteil – zwei Quellen sind besser als eine – entkleidet von den üblicherweise transportierten Inhalten und führt damit einen Schritt weiter. Denn so nimmt es die Form eines Rezepts an, das die Zutaten nicht berücksichtigt.

Zwar mag die journalistischen Regel schon in die erwünschte Richtung weisen, aber sie beseitigt, indem sie nur die Inhalte ausblendet, nicht den unbestreitbaren Nachteil aller Vorurteile, zuverlässig immer auf dasselbe Abstellgleis zu führen. Selbst ein wissenschaftlicher Rahmen kann Autoren nicht davor bewahren, alle Quellen über einen Kamm zu scheren, um dann einen Zusammenhang von Rasse und Intelligenz zu propagieren, wie das Beispiel »The Bell Curve« zeigt.

Einen weiteren Ansatzpunkt, dem Vorurteil beizukommen, liefert die Tradition der Kritik. Eigentlich verlangt Kritik, ein Phänomen anhand eines ausdifferenzierten Maßstabs zu beurteilen, oder ihn zumindest in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen zu entwickeln. Das machte aber den Vorteil des Vorurteils, schnell bei der Hand zu sein, zunichte. Wer will schon umständlich ein umfassend abgestütztes Urteil fällen, wenn es nur gilt, sich auf die Schnelle zu orientieren?

Anstatt einen Maßstab herbei zu ziehen oder zu entwerfen, lässt sich das Vorurteil selbst als Maß verwenden, indem sich das Augenmerk nicht auf das Bekannte sondern auf das Abweichende richtet.

Manche Lernprozesse lassen sich in dieser Weise beschreiben. So hat sich die Wahrnehmung von Fußballanhängern in den letzten zwanzig Jahren gewandelt, weg von Berichten über randalierende Hooligans, die auf ihren Fahrten in fremde Stadien regelmäßig ganze Züge demolierten und grölend durch die Innenstädte zogen, hin zu einer differenzierten Betrachtung von Fan-Kultur, die von den Vereinen teilweise gezielt gepflegt wird. Das Vorurteil, das Fußballfans und Krawallbrüder in eins setzte, hat sich als hinreichend irreführend erwiesen, weil die Vereine mit zurück gehenden Zuschauerzahlen zu kämpfen hatten, die Polizei überfordert war und die am Stammtisch orientierten Politiker mit ihren »Hau-drauf«-Parolen sich als wenig hilfreich erwiesen. Allerdings ist das Vorurteil trotz der heute gängigen Unterscheidungen in Ultras, verschiedene Fan-Gruppen, Gelegenheitsbesucher und Rauflustige nicht verschwunden, es wendet sich jetzt vorzugsweise gegen die von außen Einfallenden: die Briten, die Polen, die Serben – wo auch immer der Teufel an die Wand gemalt werden soll.

Nun ließe sich der Text zum Ende abrunden, in dem der am Anfang gezogene Faden erneut verwoben wird. Etwa durch den Hinweis, frau könne – vorbei am Vorurteil des schlampigen Mannes – die Abwaschberge dahin gestellt sein lassen und auch ohne geneigten Blick das Eigentümliche wahrnehmen, das mehr über den Gastgeber verrät – Dekoration, Raumaufteilung, Mobiliar, Bücher, Musik. Aber das hieße, im Ungefähren, wohltuend Diffusen zu verharren.

Schließlich kann sich das Herumnörgeln an den eigenen Vorurteilen höchst unterhaltsam gestalten. So führt es nur in eine schon hinreichend erkundete und damit unergiebige Sackgasse, einer Frau mit Kopftuch das Etikett »Schleiereule« anzuheften. Das unter dem Etikett Verschwundene lässt sich aber hervor holen, wenn der Rahmen gewechselt wird, und damit andere Fragen in den Vordergrund treten: Um was für ein Tuch handelt es sich und wie trägt sie es? Streng? Züchtig? Praktisch? Leger? Kess? Und mit einem Mal ginge es wie zu Zeiten von Grace Kelly und Audrey Hepburn um modische Gesichtspunkte.

Um sich gegen die Eintönigkeit zu wehren, mit der Vorurteile bis zum Überdruss das immer Gleiche erzählen, hilft es, den Standpunkt zu wechseln. Etwa um die Rolle der passiven Zuhörer bei den regelmäßig wiederkehrenden Meldungen zum Klimawandel zu verlassen. An die Stelle des schön beunruhigenden Schauers, der die Erzählungen von der geliebten Apokalypse begleitet, können dann Fragen treten: Welche Variablen wurden bei der Simulation berücksichtigt, welche Indikatoren verwendet, welche Algorithmen eingesetzt, welche Modelle heran gezogen?

Um das Unveränderliche, das Vorurteile suggerieren, aufzulösen, gilt es, den eigenen Gewohnheiten zu widersprechen. Das Vorurteil erweist sich dabei als hilfreich, weil es den Ansatzpunkt bietet, sich selbst auszuhebeln.

 

Putsch in Burkina Faso

Dienstag, 29. 9.  In Burkina Faso wurde heute ein gewaltsamer Schlusspunkt unter den Putschversuch der ehemaligen Präsidentengarde gesetzt. Der Anführer der Putschisten, General Gilbert Diendéré, flüchtete sich am Abend in die Nuntiatur, zum Botschafter des Vatikans, nachdem er zuvor bei der amerikanischen Botschaft abgewiesen worden sein soll.

Am Morgen hatte der Chef des Generalstabs der regulären Armee der Bevölkerung empfohlen, den Stadtteil Ouaga 2000, Wohnort vieler sehr reicher Burkinabè, zu meiden. Gleichzeitig wurde der Flughafen in Ouagadougou bis auf weiteres geschlossen. 

Im Lauf des Tages wurde Djibril Bassolé verhaftet, der unter dem geschassten Präsidenten Compaoré als Außenminister tätig war. Bassolé wird nachgesagt, zusammen mit Diendéré immer wieder Spannungen bei der  Entwaffnung der Garde orchestriert zu haben. Die Übergangsregierung hatte die Auflösung der Garde letzten Freitag beschlossen.

Gegen 17 Uhr Ortszeit waren Schüsse zu hören und kurze Zeit später angeblich auch Geschützfeuer. Etwas mehr als eine Stunde später forderte General Diendéré die übrig gebliebenen rebellierenden Gardisten auf, die Waffen nieder zu legen. Seinen Worten zufolge beklagten die ehemaligen Gardisten viele Tote und Verwundete durch den Beschuss des Lagers

(Spekulation: Es sieht so aus, als habe die Armee die Geduld mit Diendérés Lavieren und Hinhalten, um die Entwaffnung der Garde zu verzögern, verloren. Am Ende dieser Entwicklung hatte sich der General  zuletzt angeblich in den Bunker am Präsidentenpalast in Kossyam im Süden der Stadt geflüchtet, hinter dem sich auch das Lager der Garde befindet. Die Armee habe ihm dann mit schwerem Gerät klar gemacht, dass er auf verlorenem Posten stehe.)

Mittwoch, 23.9. nachmittags. Am Mittag übernahm der Präsident der Übergangsregierung, Michel Kafondo, offiziell wieder sein Amt. Damit übernehmen auch die Mitglieder der Übergangsregierung wieder ihre Posten. In seiner Rede betonte Kafondo, er werde keine Lösung akzeptieren, die nicht den Willen der Bevölkerung Burkina Fasos berücksichtigt.

Das zielt womöglich auf die ursprünglichen Motive der Putschisten, die von den Vermittlern der CEDEAO in ihren Vorschlag für eine friedliche Einigung übernommen wurden: Die Möglichkeit für Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei CDP bei den anstehenden Wahlen zu kandidieren und eine Amnestie für die Putschisten. Vertreter der Zivilgesellschaft hatten die Vereinbarung als »schändlich« bezeichnet und am Montag für Demonstrationen gesorgt.

Damit ist an dieser Stelle Schluss. Wer sich weiter informieren möchte und nicht über direkte Informationen aus Burkina verfügt, sei auf folgende Quellen verwiesen:

Mittwoch, 23.9. Gestern abend unterzeichneten Putschisten und Armee ein Abkommen, das den Konflikt beilegen soll. Demnach soll der Präsident der Übergangsregierung, Michel Kafondo, wieder eingesetzt werden. Zu dem Abkommen gehört auch der Abzug der Garde aus Ouagadougou. Einheiten der Garde haben sich daraufhin bereits in ein Militärcamp zurück gezogen. Es scheint allerdings, als habe der Anführer der Putschisten, General Diendéré, immer noch Schwierigkeiten, die Niederlage einzugestehen. 

Im Lauf des Tages soll erneut eine hochrangige Delegation der Gemeinschaft der Staaten Westafrikas (CEDEAO) in Burkina eintreffen und den Übergang zur Zivilregierung begleiten.

Dienstag, 22.9. Seit der Nacht verhandeln Armee und Putschisten - bislang ohne Ergebnis. Das erweckt den Eindruck, die Garde sei zwar geschlagen, wolle sich aber nicht ergeben. Es steht die Drohung von Chaos und Bürgerkrieg seitens des Putschistenführers, General Diendéré, im Raum. Den Putschisten spielt in die Hände, dass die Armee sich intern nicht einig zu sein scheint. 

In der Nacht auf Dienstag ist die Armee in Ouagadouogu eingerückt, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Sie verhandelt jetzt mit der Garde über deren Kapitulation. Ziel ist es, den Konflikt ohne Blutvergießen zu beenden.

Am Abend zuvor hat der eigentlich von den Putschisten unter Hausarrest gestellte Präsident Burkinas, Michel Kafondo, Zuflucht in der französischen Botschaft gesucht.

Montag, 21.9. abends. Womöglich ist der Spuk vorbei: General Diendéré, Anführer der Putschisten, hat sich in Ouagadougou unter den Schutz des lokalen Chefs der Mossi begeben, der Ethnie, die um Ouagadougou beheimatet ist. Es besteht Hoffnung, dass die führerlose Garde nun die Waffen streckt.

Montag, 21.9. Am Vormittag kommt es in Ouagadougou zu Demonstrationen, zu denen zivilgesellschaftliche Organisationen unter dem Stichwort »colère« (Zorn/Wut) aufgerufen haben. 

Am Nachmittag berichten lokale Radiostationen, die reguläre Armee ziehe Kräfte aus verschiedenen Teilen des Landes zusammen. Um 15h Ortszeit stehen Truppen bei Koudougou, etwa 100Km vor Ouaga. Das Militär fordert die Garde auf, die Waffen nieder zu legen und sich auf ein militärisches Camp zurück zu ziehen, wo sie und ihre Familien sicher sein werden.

Die Polizei drängt die Bewohner Ouagas, noch vor der Ausgangssperre nach Hause zu gehen.

Die Garde besteht aus 1200 Soldaten und gilt als die am besten bewaffnete Truppe in Burkina Faso.

Am Abend teilt Putschistenführer Diendéré per Presseerklärung mit, der bis dahin immer noch gefangen gehaltene Ministerpräsident Zida sei frei gelassen worden.

Sonntag, 20.9. Im Hotel Laico, wo die Verhandlungen stattfinden, werden wartende Journalisten und Diplomaten vorübergehend von rund 100 Anhängern der Putschisten bedrängt und bedroht. Die für den Morgen versprochene Nachricht wird erst am Abend veröffentlicht. Kernpunkte: Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei sollen bei den anstehenden Wahlen kandidieren dürfen, den Putschisten soll Straffreiheit garantiert werden und eine Reform der Armee (wohl vor allem die geplante Abschaffung der Garde) wird bis nach der Wahl verschoben. Noch am Abend lehnen Vertreter der Zivilgesellschaft die Vereinbarung als »schändlich« ab und werfen den Vertretern der CEDEAO vor, den Putsch zu legitimieren, indem sie die wesentlichen Forderungen der Putschisten anerkennen.

Samstag, 19.9. Am Abend scheint sich die Situation zu entspannen. Der Präsident Benins spricht von einer guten Nachricht, die am Sonntag morgen veröffentlicht werden soll. General Diendéré, Anführer der Putschisten, bringt sich als Präsident einer Übergangsregierung ins Gespräch.

Freitag, 18.9. In Vertretung der Gemeinschaft der Staaten Westafrikas (CEDEAO) treten die Präsidenten des Senegal, Macky Sall, und Benins, Boni Yayi, als Vermittler auf, Yayi ist aktuell auch Vorsitzender der Afrikanischen Union. 

Zehn Tote soll es geben, die Zahl der Verwundeten wird mit über 100 angegeben. Soldaten der Garde hatten auf Protestierende aber auch auf Unbeteiligte geschossen, darunter Frauen und Kinder.

Die Putschisten lassen Präsident Kafondo und die gefangen gehaltenen Minister wieder frei, Präsident Kafondo wird allerdings unter Hausarrest gestellt.  Premierminister Zida bleibt Gefangener der Garde. Isaac Zida, selbst Oberstleutnant der Garde, hatte sich nach der Vertreibung Compaorés selbst zum Präsidenten ernannt, wurde dann aber auch unter dem Druck der Garde zurück getreten. Er gilt als Ziehsohn des Putschistenführers Diendéré.

Donnerstag, 17.9. Als Anführer des Aufstands der Präsidentengarde präsentiert sich ihr General Gilbert Diendéré, ehemals Sicherheitschef und rechte Hand des vertriebenen Präsidenten Compaoré.

Die Bevölkerung reagiert mit Generalstreik und im Nu brennen auch wieder Barrikaden auf den Straßen, wie schon im Oktober letzten Jahres.

Die Afrikanische Union setzt die Mitgliedschaft Burkina Fasos aus. 

Mittwoch, 16.9. Die Präsidentengarde setzt am Nachmittag beim regelmäßigen Kabinettstreffen der Regierung Präsident Kafondo, Regierungschef Zida und einen Teil der Minister fest, darunter auch den Minister für die öffentliche Verwaltung, Augustin Loada. Am Abend erklären die Putschisten die seit letztem Jahr amtierende Übergangsregierung (Übergang bis zu den am 11. Oktober geplanten Wahlen) für abgesetzt und richten einen eigenen Nationalen Rat ein, der den Weg zur Demokratie sichern soll.

Zwei Motive lassen sich für den Putsch der Garde ausmachen: Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei CDP dürfen sich bei den anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen nicht zur Wahl stellen. Die Garde selbst soll aufgelöst werden.

Frage oder Antwort

Wenn wir eine Münze werfen, wählen wir Kopf oder Zahl. Hier werfen wir keine Münze, fragen aber ähnlich: Frage oder Antwort? Gibt es diese Wahl überhaupt? Wie fiele sie aus?

Der gängige Sprachgebrauch behandelt Frage und Antwort höchst unterschiedlich. Denn die Fragen ergeben sich, sie stehen im Raum, wir stolpern über sie – kurz gefasst, sie stellen sich. Dagegen müssen wir die Antworten suchen oder finden oder sie uns gar erarbeiten. Während die Fragen uns wie Kastenteufel ins Gesicht zu springen scheinen, kostet es Mühe, zu den passenden Antworten zu gelangen.

Trotzdem fällt es leicht, ein Übergewicht an Antworten festzustellen. In den Medien erweckt die Politik häufig genug den Eindruck, Antworten parat zu haben, noch bevor irgend jemand das Problem verstanden hat. In Buchläden liegen keine Fragenkataloge zum Kauf aus, statt dessen stapeln sich dort Ratgeber, die Antworten versprechen: »In 14 Tagen zum Nichtraucher«, »Zehn Schritte zum Erfolg«, »Richtig gut schreiben«. Antworten scheinen wohlfeil zu sein und sind überall anzutreffen. Die dazu gehörigen Fragen tauchen dagegen selten auf.

Das Phänomen der Antworten, denen die Fragen abhanden gekommen sind, existiert schon länger. So entstehen in den Schöpfungsgeschichten Menschen aus den Tränen des Gottes, werden aus Lehm geformt, oder wachsen aus der Saat von Drachenzähnen empor. Dabei lässt sich nur erahnen, wie die ursprünglichen Fragen, zu denen nur die Antworten überliefert sind, gelautet haben: »Woher kommt der Mensch?«, »Was zeichnet ihn aus?« Und dabei vernachlässigen wir die legitimen anderen: »Ist die Menschheit wirklich zum Heulen?«, »Wie hätte der Mensch ausgesehen, hätte es schon eine Töpferscheibe gegeben?«, »Welcher Zusammenhang besteht zwischen einem Rauch und Feuer speienden Drachen und einem Gift und Galle spuckenden?«

Mit der Zeit scheinen die Antworten die Fragen zu überlagern und lassen so nicht nur die Fragen sondern auch noch das anfängliche Rätseln, welche Antwort wohl passen könnte, in Vergessenheit geraten. Übrig bleiben Erzählungen und Gebräuche die einem aktuellen »Woher?« keinen Hinweis mehr auf ihren Ursprung geben können. Dann scheint es fraglos schon immer so gewesen zu sein. 

Gelegentlich verwenden auch zeitgenössische Antwortenhöker altbewährte Mechanismen, um ihre Antworten vor Fragen in Schutz zu nehmen. Dann fallen die Formulierungen wolkig aus und vermeiden Genauigkeit, um den Geltungsbereich der Antwort zu erweitern und keine Ansatzpunkte für Fragen zu liefern. Zur Not sparen die Antworten auch Aspekte aus und tabuisieren andere.

Zur Eigenart im Verhältnis von Frage und Antwort gehört auch die Annahme, es gebe eine Antwort. Obwohl schon die Alltagserfahrung lehrt, dass auf die Frage: »Schläfst Du?« eher keine positive Antwort folgt und andere Fragen gar nicht sinnvoll gestellt werden können, bleibt die Erwartung, auf eine Frage eine Antwort zu erhalten, bestehen. Vielleicht wirkt hier die Erfahrung der Kindheit nach, von Erwachsenen auf jede Frage eine Antwort zu bekommen. Später lässt auch die Schule meist nur noch eine Frage offen: Was passiert bei der Division durch Null?  Fast scheint ein unwillkürlicher Drang am Werk zu sein, nach Möglichkeit keine Frage unbeantwortet zu lassen. Ob die Antwort gültig ist (»Weihnachtsgeschenke bringt der Weihnachtsmann«) oder wie es um ihre Halbwertzeit bestellt ist (»die Welt ist eine Scheibe«), bleibt außen vor.

In dem Missverhältnis von Frage und Antwort, drückt sich eine erstaunliche Scheu vor offenen Fragen aus. Fast scheint es das Wichtigste zu sein, die durch offene Fragen markierten Leerstellen so schnell wie möglich zu schließen. Dadurch reduziert sich das Hin und Her von Frage und Antwort auf einen wenig ergiebigen einfachen Austausch. Die Frage, die sich aus einer verwunderten oder genaueren Betrachtung ergibt, und den Auftakt zu einer Auseinandersetzung bilden kann, findet so häufig genug ein frühes Ende, indem die Antwort einen Punkt setzt.

Eigentlich sollte sich die Illusion einer endgültigen Antwort lange verflüchtigt haben, doch die Vorstellung einer abschließenden Antwort scheint so anziehend zu sein, dass die naheliegende Sichtweise eines fortlaufenden Wechsels von Frage und Antwort es schwer hat, sich durchzusetzen. Dabei dürfte eine Antwort, die das Fragen nicht zum Schweigen bringt, sondern die Auseinandersetzung fördert, wertvoller sein, als eine, die sich als der Weisheit letzter Schluss ausgibt.

So gesehen können wir aus der Frage auch einen Maßstab für eine Antwort gewinnen. Der Maßstab orientierte sich daran, inwieweit eine Antwort Ansatzpunkte für Fragen bietet, oder gar weitere Fragen mitbringt. Eine Antwort wäre demnach nur so gut, wie die Fragen, die sie ermöglicht.

Selvhenter - Motions of Large Bodies

Mit zwei Schlagzeugen, Saxophon, Posaune und Geige treten die Damen aus Dänemark an. Identifizieren lassen sich die Instrumente in den meisten Stücken kaum. Es geht eher darum, mit aller Vehemenz eine Klangfarbe zum massiven Ensemble-Sound beizutragen und die Stücke voran zu treiben. Anknüpfungspunkte finden sich vielleicht in der Geisteshaltung der Metall-Jazzer von The Thing oder der Klangfaszination von Nisennenmondai - ganz wunderbar unerhört.

Youtube bietet neben diversen Live-Aufnahmen auch ein Video zur letzten Single (das Format dürfte doch vollständig tot sein) »New Age«: https://www.youtube.com/watch?v=VAsGUQ_WuV8

Tomaga - Futura Grotesk

Die Schlagzeugerin des Londoner Duos sorgt für eine Struktur vertrackt verzerrter Beats, über die sich Sound-Schleifen legen, die Geräusche der Industrial Music mit elektronischen Experimenten zusammen führen. Dabei tragen die beiden ihre Musik so unaufdringlich und gelassen vor, dass das Ganze fast ein wenig entrückt wirkt.

Wie die meisten guten Sachen heutzutage erhältlich über Bandcamp: https://tomaga.bandcamp.com/album/futura-grotesk

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